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Wegberg
Glaskunst für die Elbphilharmonie

Wegberg: Glaskunst für die Elbphilharmonie
Detlef Tanz, der in der Ölmühle in Tüschenbroich wohnt, ist ein weltweit anerkannter Glasexperte. FOTO: NDR
Wegberg. Detlef Tanz aus Wegberg ist ein weltweit anerkannter Spezialist für Glasschmelztechniken im Bereich der Architektur und freien Plastiken. Er hat als Produktentwickler seine Ideen bei der Gestaltung der Elbphilharmonie mit eingebracht. Von Hans Groob

Der "Mühlenblues-Abend" am 10. Dezember im Atelier der idyllisch am Tüschenbroicher Mühlen- und Schlossweiher gelegenen Ölmühle ist trotz seiner Öffentlichkeit für Detlef Tanz, den Kunst-Allrounder mit Spezialgebiet Glas, aktuell ein hochwillkommener Rückzugsplatz: "Die letzten Jahre und jüngsten Monate hatten es in sich, da können gerade jetzt Harp, Saxofon, aber auch der Gesang bei Swing-Blues ideale Energie-Tanker sein." Auch mit Blick auf den Kalender fällt es dem 1951 in Erkelenz Geborenen zunehmend leichter, "sich vermehrt den schönen Dingen zu widmen, Stress in wohldosierter Form zuzulassen".

Davon gab es nämlich über einen kaum zu glaubenden Zeitraum von fast zehn Jahren in nur einem einzigen Fall mehr als genug: Als weltweit anerkannter Spezialist für Glasschmelztechniken im Bereich der Architektur und freien Plastiken gehörte Tanz zur Mehrere-Tausendschaft (darunter bald 200 Architekten), die Ideen eingebracht oder mit Hand angelegt haben an der Elbphilharmonie, dem neuen Weltwahrzeichen in Hamburg auf dem Kaispeicher A in der Hafencity. Mit der Eröffnung der Plaza, einer riesigen Aussichtsplattform unterhalb des Konzertsaals, durfte die schier unendlich lange Schlange interessierter Besucher einen ersten Blick in das Gebäude werfen, das nach Expertenmeinung schon jetzt dem berühmten Opernhaus in Sidney den Rang abgelaufen hat. Und wenn erst am 11. Februar das Eröffnungskonzert im Herzstück, dem runden Konzertsaal mit der Bühne in der Mitte, von tosendem Beifall übergossen wird, dann kann man sicher sein, in akustische Dimensionen von Weltformat vorgedrungen zu sein, die die "Handschrift" von Akustik-Weltmeister Yasuhisa Toyota aus Japan tragen.

So sieht die neue Elbphilharmonie aus FOTO: dpa, chc lof fdt

Blickfang im Konzertsaal sind zweifelsohne 1250 Lampen, die im Gegensatz zu anderen Gebäudeteilen, wo Kunststoff verbaut wurde, hier aus Glas sind und wie Tropfen wachsen, vielleicht wie Wahrsagekugeln das Licht gleichsam atmosphärisch aufnehmen und abgeben. Aber bis die gewünschte Form und Qualität für das Prestigeobjekt Elbphilharmonie, das immerhin 790 Millionen Euro an Steuergeld verschlungen hat, gefunden war, zog es Produktentwickler Detlef Tanz, dem der von ihm nicht gerne gehörte Ruf als "Glas-Guru" oder sogar "Glas-Papst" vorauseilt, um die halbe Welt. 22 Glashütten hat er besucht, natürlich in Deutschland, Slowenien und auch China - fündig geworden ist er in Tschechien bei Familie Cerveny in Novy Bor. Hier im Elbsandsteingebirge konnte das umgesetzt werden, was mit einem Glasmuster 2006 begann, welches dem Wegberger bei einem Meeting für Beleuchtung in Hamburg "unverbindlich in die Hand gedrückt" worden war.

Damit die gewünschten, sehr schwierigen Vorgaben für Glaskugeln und Lichtführung erfüllt werden konnten, galt für Detlef Tanz und seine Frau Martina Zilles (seit 2008 ebenfalls Glaskünstlerin) nur ein Motto: "Geht nicht, gibt's nicht. Wir versuchen es." Dieser Optimismus beflügelte, die Prototypen "passten", die Produktion in Tschechien konnte anlaufen: Über zwei Jahre hinweg wurden - bei nicht zu verhinderndem Ausschuss von 50 Prozent - immerhin Tag für Tag 20 bis 30 gebräuchliche Kugeln geblasen. "Das war höchstes glasmacherisches Können", attestierte Detlef Tanz, der danach die Feinarbeit unter seinen wachen Augen hatte: Alle Kugeln wurden im Hals aufgebohrt wegen der exakt definierten Öffnung der Lichtführung ("Eine große Herausforderung"), ebenso von Hand geschliffen und poliert und schließlich von innen mit Splitterschutzlack beschichtet. "Von 3000 haben letztlich 1600 Lampen die Endkontrolle geschafft", atmete Tanz auf, als die kostbare Fracht aufbrach, die 592 Elbe-Kilometer zur Elbphilharmonie Richtung Norden zu überwinden.

Auch wenn Detlef Tanz die Montage der 1250 Lampen im Konzertsaal mit 2100 Plätzen nicht selbst überwachte, zog er nach einem seiner doch mehr als 20 Arbeitsbesuche in der Hansestadt schlicht gehaltene, zufriedene Bilanz: "Ich bin glücklich. Es sieht toll aus. Da ist man einfach glücklich, nicht stolz, einfach glücklich." Vermutlich genau der Zustand, auf den er beim Mühlenblues mit Trio plus im Atelier der "Ölmühle" hofft.

Quelle: RP
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