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Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 7
Klassenfahrt ins Liebesglück

Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 7: Klassenfahrt ins Liebesglück
Andrea Moller mit Hund "Struppi" (7).
Erkelenz. Die Gymnasiastin Andrea Moller verdrehte einem Pariser Studenten den Kopf. Der benutzte 1977 rote Servietten als SMS. Von Hans Groob

WEGBERG Es gibt wohl unzählige junge Frauen auf dieser Welt, für die der aus dem Musical Can-Can stammende Cole-Porter-Song "Love Paris" die heimliche Hymne ihrer Träume ist. Spätestens als Caterina Valente im Jahre 1954 daraus in deutsch den Kassenschlager "Ganz Paris träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja Zuhaus" interpretierte, war es auch um die deutschen Mädchen geschehen. Nachhaltig ein knappes Vierteljahrhundert später auch für die gerade 18-jährige Andrea Driemel, die am 7. Februar 1959 im Wegberger Krankenhaus geboren wurde und in der Dalheimer Schule das kleine Einmaleins lernte und die Kindheit in Arsbeck rund um die Heuchterstraße verbrachte, wo die Eltern ein kleines Häuschen hatten. "Der Duft des Waldes und das Geräusch der sich im Wind wiegenden Bäume am Alde Berg oder rund um das Raky-Schlösschen sind meine Heimat", die Andrea immer dann in Nase und Ohr hat, wenn sie mit ihrer Familie im Bois de Boulogne spazieren geht. Ganz in der Nähe eines der größten Stadtparks der Welt im Westen von Paris lebt sie nämlich seit 1980 als Madame Moller.

Dahinter steckt eine echte Liebesgeschichte, die sich auch Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström fürs ZDF-Sonntagsherzkino hätten einfallen lassen können. Als Folge des frühen Todes des Vaters entwickelte sich eine bewegte Odyssee für die gerade 14-Jährige: Haushaltsschule Mönchengladbach, Heimweh, Ausbüxen gepaart mit dem Drang zur Ferne, schließlich auf Rat von Pastor Weyhe (Dalheim) der Weg zu einer Erziehungsberatungsstelle in Erkelenz. Heute sieht Andrea das so: "Nach der Feststellung, dass ich trotz aller Probleme das Zeug dazu habe, zurück auf die Schule zu gehen, hat es bei mir klick gemacht. Man hatte meine Fähigkeiten gefordert und ich wollte sie auch beweisen." Der mittleren Reife in Niederkrüchten folgte der Wechsel zum Mädchengymnasium Erkelenz (heute Cornelius-Burgh-Gymnasium) und die "schicksalhafte Wahl der Fremdsprache Französisch" - ohne zu ahnen, dass diese Wahl das spätere Leben maßgeblich beeinflussen würde. Mademoiselle Andrea verblüffte die Lehrerin, mit welcher Leichtigkeit sie den Akzent weich und melodiös rüber bringt, als sei ihr die Sprache schon in die Wiege gelegt worden. Die drei Jahre bis zum Abitur fliegen nur so davon, und dann kommt die Neuigkeit von Schulleiter Leonhardt zur einwöchigen Klassenreise: die Lateiner nach Rom, die Franzosen nach Paris. Nach intensiver Vorbereitung ist es Ende August 1977 soweit, der Bus nähert sich der Weltmetropole, der "Franzkurs" verrenkt sich die Köpfe, verstummt beim Blick auf Eiffelturm und Sacré Coeur, Montmartre mit Künstlern, Malern und Bildhauern warten schon. Unheimliches Gewusel auf den Straßen, Menschen aller Hautfarben, bunte Kleider auf dunkler Haut am Gar du Nord. Der Flohmarkt mit seinen Gerüchen und Clochards. Fiebrige Atmosphäre, Hektik und Lärm, Staus an jeder Ecke. Andrea: "Wie die meisten meiner Schulfreundinnen bin ich geschockt, habe nichts vom gepriesenen Charme gespürt." Das ändert sich schlagartig nach dem Jugendherbergsfrühstück mit Kaffee, Baguette und Konfitüre: "Die Tage in Paris werden die schönsten meines Lebens." Flanieren auf den Champs Élysées, Luxusgeschäfte, Triumphbogen, Museen, Denkmäler - die Zeit ist gefüllt mit Kultur und Kunst: "Ich, ein Dorfkind, ein Mädchen aus Arsbeck, stehe mit 18 Jahren plötzlich mitten im Leben."

Ehemann Philippe ist Wirtschaftsprüfer, Tochter Marie-Agnes (33/links) arbeitet als Journalistin. Céliane (29/r.) hat eine Praxis als Diplompsychologin eröffnet.

Der Abschlussabend kommt unweigerlich, und Französischlehrerin Gerda Wüsthoff hat sich mit der kleinen Kneipe "Vieil Ecu" eine Überraschung einfallen lassen - kulinarisch und atmosphärisch ein Leckerbissen. Hier wird das Leben von Andrea total umgekrempelt, sie schildert das Geschehen so: "Eine Gruppe junger Franzosen nimmt am Nebentisch Platz. Plötzlich stupst mich meine Nachbarin an, wispert mir ins Ohr, dass ein jungen Mann mich ohne Unterbrechung anschaue. Ich blicke auf, geradewegs in die Augen von Philippe. Den Namen lese ich auf einer Serviette, die er mir später hatte zuschieben lassen. SMS anno 1977. Ich glaube, rote Servietten waren im "Vieil Ecu" plötzlich rar. Eine trug meine Adresse. Ich sitze tags darauf verträumt im Bus."

Zurück in Arsbeck vergehen noch nicht einmal 48 Stunden, da hat der junge Student aus Paris schon einen langen Brief in die Post gegeben, in dem er schrieb, dass Andrea der "coup de foudre" sei. Ins Deutsche übersetzt, ihn habe der Blitz getroffen. Nach mit Briefwechseln kurzweilig gehaltenen Monaten steht Philippe bei den Driemels vor der Türe. Die standesamtliche Trauung fand in Boulogne-Paris statt, zur kirchlichen Hochzeit kam Philippes Familie nach Arsbeck, wo Pastor Weyhe die Messe gestaltete. Im August feierten Andrea und Philippe Moller ihren 35. Hochzeitstag.

Ehemann Philippe ist Wirtschaftsprüfer, Tochter Marie-Agnes (33/links) arbeitet als Journalistin. Céliane (29/r.) hat eine Praxis als Diplompsychologin eröffnet.

Viel geschehen ist in diesen dreieinhalb Jahrzehnten deutsch-französischer Liebe. Andrea Moller arbeitete für eine Anwaltsfamilie aus Paris in Saint-Tropez als Au-pair, zusätzlich drei Wochen als Modell bei einem englischen Maler und Kunstprofessor aus Exeter. Die Alliance Francaise besuchte sie nach der Hochzeit, schloss mit dem Diplom der französischen Sprache ab. In der Kanzlei von Ehemann Philippe, der als Wirtschaftsprüfer "seine Baguettes verdient", arbeitet die Mutter zweier erwachsener Kinder halbtags. Die 33-jährige Marie-Agnés ist Free-Lance-Journalistin für eine Kunstzeitung und verfasste ein erfolgreiches Buch (Paris Horribilis), das sich mit der dunklen Seite der Lichterstadt beschäftigt. Die 29-jährige Céliane hat eine Praxis als Diplompsychologin eröffnet.

Seit einem Jahr verbringen die Mollers ihre Freizeit in ihrem Landhaus an der Loire. Wenn Andrea Moller mit dem Fox "Struppi" spazieren geht, "erinnert mich diese Gegend an die Landschaft um meine alte Heimat Arsbeck".

Seit 1980 lebt die in Wegberg geborene Andrea Driemel als Madame Moller in Paris. Den Mann, mit dem sie jetzt seit 35 Jahren verheiratet ist, lernte die Arsbeckerin 1977 während einer Klassenfahrt in der "Stadt der Liebe" kennen. FOTO: Privat
Quelle: RP
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