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Wegberg
Notizen aus dem Kriegstagebuch

Wegberg: Notizen aus dem Kriegstagebuch
Das Alte Rathaus an der Hauptstraße in Wegberg wurde im Januar 1945 durch eine Bombe bis auf die Grundmauern zerstört. FOTO: Stadtarchiv Wegberg
Wegberg. RP-Serie 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs (Teil 6) "1. 9. - Krieg!" Ein Wort. Ein Datum. Der Eintrag aus dem Jahr 1939 stammt aus dem Tagebuch der damals 22-jährigen Josefine Heinrichs aus Klinkum. Von Willi Spichartz

Ein Eintrag im Jahr 1944: "Am 14. 9. findet abends gegen 7 Uhr unsere Trauung statt. Tausend ukrainische Zwangsarbeiter stehen unfreiwillig Spalier; sie sind dabei, Panzergräben auszuheben. Die Hochzeitsnacht verbringen wir angstvoll im Keller." Und die entscheidende Notiz im Jahr 1945: "28.10. Bis jetzt habe ich gewartet. Heute kam Heinrich nach Hause. Er war 8 ½ Jahre Soldat." Drei Stationen im Kriegstagebuch der Klinkumerin, die exemplarisch stehen für viele Frauen ihrer Generation.

1938 "besann" sich die damals 22-jährige Josefine Heinrichs "auf einen Freund, dessen Verschwiegenheit außer Frage stand - mein Tagebuch." Verschwiegenheit, Äußerungen hinter vorgehaltener Hand - das waren seit der Machtübergabe an die Nazis 1933 üblich gewordene Eigenschaften und Praktiken, die Josefine Heinrichs registriert hatte, die mit den zunehmenden internationalen Spannungen zum Ende der 1930er Jahre stärker wurden bis hin zur Kriegsahnung, ja Kriegsangst.

Schwere Schäden wies zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Toranlage des ehemaligen Kreuzherrenklosters in Wegberg auf. FOTO: Stadtarchiv Wegberg

Nahrung erhielten diese schon im Juli 1938 mit der ersten Einquartierung eines Soldaten aus Dortmund im Klinkumer Haus, im August wird "der Westwall gebaut, warum nur?", verzeichnet das Tagebuch. Es kommen mehr Soldaten, Josefine Heinrichs notiert Hitlers Politik mit dem Sudetenland, Polen, Friedenshoffnungen und -enttäuschungen, im August 1939 der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion. Tage später werden schon 130 junge Männer aus Klinkum zur Wehrmacht einberufen. Josefine Heinrichs schreibt am 26. August 1939: "Ein langer Zug von Soldaten, Wagen, Pferden und Geschützen durchzog unseren Ort. Die Bewohner standen angstvoll und traurig an der Straße. Ein jeder ahnt, dass dieser Krieg Schrecken und Leid bringen wird wie nie einer zuvor. Was bedeuten Nichtangriffspakte?"

Den Menschen an der Basis war sieben Tage vor dem Angriff auf Polen schon weitgehend klar, dass es einen unvergleichlichen Brand zumindest in Europa geben würde. Schon am 4. September werfen englische Flugzeuge Flugblätter mit der Kriegserklärung an Deutschland über Klinkum ab.

Straße nach Merbeck. FOTO: Nein

Die schnellen Erfolge der Wehrmacht in "Blitzkriegen" lassen aber offensichtlich die Sorgen etwas in den Hintergrund treten, wie aus den Formulierungen der Tagebuchschreiberin hervorgeht. Belgien, Holland, Norwegen werden erobert - unter dem 14. Juni 1940 steht mit offensichtlichem Stolz: "Nach zehn Tagen wurde Paris genommen. Ein großer geschichtlicher Tag." Kurz darauf: "Frankreich wurde in 20 Tagen erledigt. Die Leistungen unserer jungen Wehrmacht sind unübertroffen." Da war wohl auch der Schrecken der ersten Klinkumer Bombennacht einen Monat zuvor vergessen.

Militärische Erfolge reihen sich an Erfolge, ab Dezember 1940 muss Josefine Heinrichs Uniformen für die Wehrmacht nähen, immer wieder unterbrochen von englischen Tieffliegern mit Flucht in den Bunker. Am 1. April 1941 heißt es über die Wehrmacht in Afrika: "Unsere Erfolge sind trotz Geländeschwierigkeiten und kaum erträglichem Klima hervorragend." Der Eintrag vom 23. April: "Noch ein kleiner Teil, und Griechenland ist 'erledigt'". Doch am 28. Mai wird die Sorge wieder deutlich: "Viele deutsche Truppen werden vom Westen zum Osten verlegt. Ob mit Rußland wohl etwas nicht stimmt? Aber wir haben doch einen Nichtangriffspakt mit den Russen, und in Polen kämpften sie ja gemeinsam mit uns!"

FOTO: Dietmar Schmitz

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 dann: "Ob das nicht eine Niederlage gibt?" Und nach der Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943: "Unsere Soldaten sind dort am Ende."

Josefine Heinrichs listet den anschließenden Abfall vieler Verbündeter Deutschlands ebenso auf wie das Näherrücken der Alliierten ab Juni 1944 im Westen mit Bombardierungen und dem Artilleriefeuer, das im November begann. Vom Erfolg der Raketenwaffe V 1 ("Vergeltung 1") gegen England ist sie am 15. Juni nicht mehr überzeugt: "Die Entscheidung soll nahe sein. Wir glauben nicht mehr daran."

Der Evakuierung in den Osten entging sie mit ihrer Familie bis zum 6. Dezember, indem sie tagsüber bei Verwandten in Bissen lebten, abends nach Hause schlichen. An Nikolaus fasste die Familie den Entschluss, doch dem Evakuierungsbefehl zu folgen und vor dem Dauerbeschuss und der -bombardierung nach "Olsberg im Sauerland zu flüchten". Die erste Familie, die sie aufnehmen sollte, verweigerte die Unterkunft, die zweite war freundlich und hilfsbereit, stellte zwei Zimmer zur Verfügung. Von dort aus verfolgte Josefine Heinrichs das absehbare Ende des Zweiten Weltkriegs auch über Nachrichten aus der Heimat und deren Einnahme durch die Amerikaner Ende Februar. Im März 1945 war dann die Situation in Olsberg wie Monate zuvor in Klinkum: Bomben und Artilleriebeschuss, die Evakuierten "hoffen auf einen baldigen Zusammenbruch. Was danach kommt, ist uns unvorstellbar. Hauptsache, der sinnlose Krieg hat ein Ende."

Am 6. April dann ein regelrechter Aufschrei: "Jetzt sind wir erlöst! Heute früh 11.00 Uhr zog der Amerikaner [...] hier ein. Vier Tage und fünf Nächte hatten wir den Keller nicht verlassen." Am 18. Mai ein weiterer entscheidender Passus im Tagebuch: "Heute sind wir in Klinkum angekommen. Der Empfang war sehr herzlich. Viele Ortsbewohner hatten die Stellung hier gehalten. Unser Haus gleicht einer Räuberhöhle. Aber was soll's! Nun warten wir voller Ungeduld auf die Rückkehr unserer Angehörigen. Täglich kommen Soldaten nach Hause. Aber die unseren fehlen noch."

Unter dem 28. Oktober 1945, einem Sonntag, notiert Josefine Heinrichs die Rückkunft des Ehemanns, die kommenden Aufgaben und bange Fragen: "Nun beginnt ein neues Leben und ein neuer Aufbau. Ob es sich noch lohnt, und ob es gelingt?"

Quelle: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1987

Quelle: RP
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