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Rp-Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 12
Politisches Interesse schon in der Jugend entwickelt

Erkelenz. Herbert Mai aus Dalheim-Rödgen war Vorsitzender der GewerkschaftÖTV und zwölf Jahre lang Arbeitsdirektor des Frankfurter Flughafens. Von Hans Groob

WEGBERG Dass die Kindheit die sensibelste und wichtigste Lebensphase ist, erkennen Experten ohne Vorbehalt an, sind sogar sicher, dass in dieser Zeit eindeutig wichtige Grundlagen gelegt werden. Zu dieser Erkenntnis kommt auch der am 5. September 1947 geborene Herbert Mai im Rückblick auf ein bewegtes Leben, das ihn vom Wegberger Stadtteil Dalheim-Rödgen hinaus in eine spannende Berufswelt zog, an deren Spitze die Wahl zum Vorsitzenden der ehemaligen Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) sowie die Bestellung zum Arbeitsdirektor des Frankfurter Flughafens stand.

Heute lebt Herbert Mai in Bilkheim (Westerwaldkreis) und mit Zweitwohnsitz in Schwalbach am Taunus, wo seine Ehefrau Christiane Augsburger die Bürgermeisterin ist. Er pendelt aber auch noch oft nach Frankfurt, "wo ich noch das ein oder andere zu tun habe". Auf den Fahrten kommen immer mal wieder Erinnerungen über die enge Verbindung seiner Familie zur Deutschen Bahn (DB) hoch, schließlich wurde er in einem kleinen Haus geboren, das der Bahn gehörte und auf der Bahnhofstraße zwischen Bahnhof Dalheim und der Dalheimer Mühle direkt am Waldrand lag. Herberts Vater Jakob Mai war ein Ur-Dalheim-Rödgener und hatte noch elf Geschwister. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Sanitäter in Frankreich und Österreich überstand, zunächst Gleisbauarbeiter, dann Beamter auf einem Stellwerk. Die Mutter kam aus Wien, wo die Eltern 1943 die Ehe schlossen. Die unruhige Zeit ging für die Familie auch nach dem Krieg weiter, wurde die Mutter doch ausgewiesen, weil sie im russischen Sektor wohnte und mit einem Deutschen verheiratet war. Herbert Mai hat drei Brüder, er ist der Zweitälteste und wurde 1954 in Dalheim-Rödgen eingeschult. Allerdings musste die Volksschule 14 Tage länger auf ihn warten, "weil ich einen Tag vor Schulbeginn in den Heizungskeller des Güterbahnhofs gefallen war mit schmerzhaften Folgen."

Die Zeit bis 1956, da zog die Familie Mai wegen Versetzung des Vaters nach Rheydt, war für "klein Herbert" spannend und prägend. Ganz besonders dann, wenn der Vater ihn mit aufs Stellwerk nahm und er die vorbeibrausenden Züge beobachten konnte. Die Sonntage waren ausgefüllt mit Spaziergängen entlang der holländischen Grenze, zur Dalheimer Mühle, zur Sandgrube oder in den Wald. Unbeschwertes spielen mit Nachbarskindern (darunter auch "Monika", die erste Kinderliebe) prägten die schulfreie Zeit. Allerdings auch Hamsterfahrten zu abgeernteten Kartoffelfeldern oder das Sammeln von Kohle, die von den Tendern der Züge entlang der Bahnstrecke verloren worden war. Nicht ungefährlich: "Erwischte einen der Bauer, dann knallten nicht selten aus der Ferne sogar Schrotschüsse, man musste sich vor Hunden in Sicherheit bringen, oder vor Bahnaufsehern, denn da drohten Anzeigen." Schon als Kind wusste Herbert also, was Überlebenskampf bedeutete. Vielleicht anfangs unbewusst, aber zunehmend entwickelte sich das politische und historische Interesse: "Wir lebten an der holländischen Grenze, die wir nicht so ohne weiteres überschreiten durften. Warum? Zur Oma durften wir anfangs nicht, weil sie in Wien im russischen Sektor wohnte. Warum?" Konkret neugierig wurde er nach der Souveränität Österreichs (1955), "weil wir nun in den Sommerferien unsere Großeltern ohne Probleme besuchen durften und Opa uns mitnahm zu Versammlungen der SPÖ (Österreichs Sozialdemokraten)." Dort stand der junge Bruno Kreisky, später legendärer Bundeskanzler der Alpenrepublik, für Aufbruch und Erneuerung. Veränderung, Modernisierung, politische Gestaltung und Einfluss brachte Herbert Mai mit guter Ausbildung und Beruf in Verbindung: Nach der Realschule in Rheydt strebte er den gehobenen Verwaltungsdienst beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf an. Um dort bald festzustellen, "dass mein Anspruch in der Verwaltung trotz hervorragender Ausbildung nicht alleine zu realisieren war". Schon 1964 trat er in die SPD und 1965 in die Gewerkschaft ÖTV ein, deren Bundesjugendausschuss sein Engagement bald erkannte. 1971 waren es hessische Freunde, die ihn für die Stelle des hauptamtlichen Bezirksjugendsekretärs begeistern konnten. Einstimmig gewählt, wechselte Herbert Mai in die Main-Metropole. Die ÖTV-Jugend war, inspiriert von der 68er-Bewegung, sehr aktiv, stellte nicht nur einmal Machtfragen in Gewerkschaftsgremien. Mit 35 war der Dalheim-Rödgener Junge der jüngste Bezirksleiter der ÖTV, dem aus der gesamten Zeit besonders der erste Streik im öffentlichen Dienst 1974 unter dem charismatischen Vorsitzenden Heinz Kluncker ("Ich war in der hessischen Streikleitung") sowie der Elf-Tage-Streik 1992 in Erinnerung sind: "Ich war Mitglied der Schlichtungskommission. Die Arbeitgeber lehnten den Schlichtungsspruch ab, was zum Streik führte."

Im Februar 1995 war es dann soweit: Herbert Mai wurde als Nachfolger von Monika Wulf-Mathies (ging als Kommissar zur EU nach Brüssel) an die Spitze der ÖTV gewählt, der damals mit 1,5 Millionen Mitgliedern nach der IG Metall zweitgrößten Einzelgewerkschaft. Jetzt hatte der Arbeitstag für ihn nicht nur tarifliche erkämpfte acht, sondern 16 Stunden, auch an den Wochenenden. Viel Zeit für Freizeit, Sport, Familie oder Freunde blieb da nicht, zumal er auf der Agenda auch die Bildung von ver.di hatte. Und dieser Zusammenschluss von ÖTV mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG), der IG Medien, der Deutschen Postgewerkschaft (DPG) und der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) bedeutete für Herbert Mai eine Zäsur: Vermutlich waren es Ängste vor einer ungewissen Veränderung, die dem großen Zukunftsschritt des Vorsitzenden auf dem Gewerkschaftstag 2000 in Leipzig nur 64 statt der erforderlichen 80 Mitgliederprozent bescheinigten. Um das Projekt nicht zu gefährden, und um mögliche innere Machtkämpfe einzudämmen, verzichtete Herbert Mai auf eine Wiederwahl. Sein Nachfolger wurde Frank Bsirske, der dann noch ein Jahr der ÖTV vorstand, seit 2001 an der Spitze von ver.di steht.

Mais Fall war sanft, denn noch im Dezember 2000 trugen ihm Kollegen das Amt des Arbeitsdirektors des Frankfurter Flughafens an. Wohl wissend, dass sie einen exzellenten Kenner "an Land ziehen" würden, der die Fraport AG bereits zwölf Jahre über seine Aufsichtsratstätigkeit und fast 30 Jahre von seiner Gewerkschaftsbetreuung kannte. Bis 2012 hat er die Funktion als Vorstand und Arbeitsdirektor wahrgenommen. Hauptbereich war das Personal: "Dies zu führen, Konflikte zwischen Betriebsrat und Management zu lösen oder Kompromisse zu suchen, hat mir sehr zugesagt und Spaß gemacht", umschreibt Herbert Mai das Dutzend Fraport-Jahre, in denen für die Beschäftigten sehr viel geschehen ist: Gewinnbeteiligung, Aktienbeteiligungen, Vereinbarkeit Familie und Beruf, Gesundheits- und Frauenförderung mit verbindlichen Vorgaben. "Dies nur unter der Vorgabe, dass das Unternehmen erfolgreich ist, woran alle mitarbeiten", mahnte Herbert Mai auch im September 2012 bei seinem Schritt in den Ruhestand.

Dieser kommt allerdings eher einem Unruhestand gleich, engagiert er sich doch in sozialen und politischen Projekten, unter anderem als Vizepräsident des IB, einem freien Träger für Ausbildung, berufliche Bildung und soziale Arbeit, als Mitglied im Vorstand des Fördervereins Fritz-Bauer-Institut und Mitglied des Stiftungsrates, als Mitglied im Kuratorium der Stiftung Diakonie Hessen und Vorsitzender des Beirats der Stiftung DiaStart der Diakonie Hessen sowie als Vorsitzender des Vereins für Denkmalpflege und Erhalt des Dorfcharakters in der Wohngemeinde Bilkheim: "Hier errichten wir in einem Fachwerkhaus von 1684 ein Museum ,Lernort Historischer Wohnraum'", sagt mit viel Hingabe Herbert Mai, dessen Historie in ländlicher Naturverbundenheit Dalheim-Rödgens ihre Wurzeln hat.

Quelle: RP
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