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Wegberg
Respektlos-kritische Gesellschaftsanalyse

Wegberg. Christoph Sieber, Träger des Deutschen Kleinkunstpreises, begeisterte im Forum mit beißender Satire - bestes politisches Kabarett. Von Willi Spichartz

Moral ist, wenn man trotzdem lacht! Moral ist die Beachtung der Menschenwürde! Mehr als zwei Stunden netto erlebten gut 300 Zuhörer in Christoph Sieber im Wegberger Forum einen Kabarettisten in bester Tradition der politischen Schärfe, beißenden Spotts, Ironie, Fakten und auch des Zeigefingers. Handfester, ehrlicher Beifall allenthalben zeigte, dass in der comedy-gefluteten Republik analytische Klasse immer noch Garant eines intensiven, mengentauglichen Abends sein kann.

Mit Christoph Sieber, dem gebürtiger Schwaben aus Balingen, hatte die Volkshochschule immerhin auch den Träger des Deutschen Kleinkunstpreis 2015 nach Wegberg geholt, der als ausgebildeter Schauspieler mit Theatererfahrung auch höchsten Ansprüchen der Darbietung genügt.

Schwarz die Bühne, schwarz die Kleidung Siebers, schwarz sogar die Gitarre - schon visuell wurde die Spur zum klassischen Nachkriegskabarett gezogen. "Hoffnungslos optimistisch" - der Titel des aktuellen Programms Siebers ist selbst schon wieder Satire, denn die in atemberaubendem Tempo fehlerfrei authentisch abgespulten Erkenntnisse und Pointen-Kaskaden lassen nicht viel Hoffnung aufkommen angesichts eines wuchernd-zerstörerischen Kapitalismus': "Geld ist zerstörend". Ein Prozent der Weltbevölkerung besäßen 99 Prozent der Vermögen, Reiche würden immer reicher, indem sie andere immer ärmer machten durch Lohndrückerei, durch gewollte Armut durch ein Heer von Arbeitslosen und Hartz-IV-Beziehern.

"Geld ist die neue Sintflut - Halleluja in der Jahrhunderthalle Wegberg": ein satirischer Griff ins Alte Testament. Ein Rap mit Musik: "Unser Mantra ist Konsum!" Die elektronische Verbiegung der Würde des Menschen: "App, app, app und fertig ist der Depp!" Der Geschlechtsverkehr der Zukunft: "Zwei Handys werden nebeneinander gelegt." Das Ende der Würde: "Die Würde des Menschen stirbt vor Lampedusa und in allen Kriegen!" Die brutale Banken-Finanzkrise und die Politik der EU: Drei Millionen Griechen (ein Viertel der Bevölkerung) ohne Krankenversicherung, Diabetiker haben dort laut Sieber die Wahl, sich entweder Insulin oder was zu essen zu kaufen. Hätte man den arbeitslos gewordenen Spaniern, die ihre Hauskredite nicht mehr abbezahlen konnten, die Milliarden Euro gegeben, die die Banken kassiert haben, dann hätten Spanier ihre Häuser behalten und auch die Bankkredite abbezahlen können. Christoph Sieber, ein großer Schlacks von 45 Jahren, hat auch keine Angst vor Verleumdungs- oder Schadenersatzklagen: "Amazon ist eine Schweinefirma!"

Die Pharmaindustrie und das Gesundheitssystem, regionale Speisespezialitäten, Verlust der Kreativität durch das Schulsystem - die Elemente der Gesellschaft und deren Ausprägungen perlen bei Christoph expressiv-wortwitzig von der Bühne.

Zum Schluss, nach artigen Verbeugungen, dann wohl doch die optimistische Hoffnung - Sieber zitiert Bert Brecht leicht verkürzt: "Die schönste aller Künste ist das Leben!"

Quelle: RP
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