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Wegberg
Treffpunkt für Tour-Fans in Rickelrath

Wegberg: Treffpunkt für Tour-Fans in Rickelrath
Historische Plakate, Pokale, Renntrikots: Siegbert Zimmer - hier an seiner Lady-Sprint-Station - ist im Tourfieber. In den Räumen der alten Siloanlage an der Dahlener Straße 4 in Rickelrath hat er ein Radsportmuseum eingerichtet. Dort bietet er während der Tour täglich ab 14 Uhr Public-Viewing an. FOTO: Jürgen Laaser
Wegberg. Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006, die als Sommermärchen in die Geschichte eingegangen ist, treffen sich sportinteressierte Menschen in Deutschland nicht nur auf Fan-Meilen großer Städte zum vieltausendfachen Public Viewing. Von Hans Groob

Hin und wieder erfassen Euphorie, Ausgelassenheit und das gemeinschaftliche Erlebnis sogar das platte Land, also auch den Kreis Heinsberg. War bisher exklusiv der Fußballsport der Auslöser zu einem derartigen Event, stößt der in Rickelrath lebende Siegbert Zimmer die Public-Viewing-Türe für eine Sportart auf, die im Rheinland hochaktuell in aller Munde ist - das ist der Radsport. Weil die Tour de France, also das größte Radsportereignis der Welt, am Samstag in Düsseldorf mit einem Einzelzeitfahren auf die dreiwöchige Runde mit Ziel auf den Champs-Élysées in Paris gestartet wird.

Nach dem Grand Départ in der NRW-Landeshauptstadt führt die zweite Etappe über Mönchengladbach, am Rand des Braunkohlentagebaus sogar durch den Kreis Heinsberg, ins Aachener Land und erreicht nach 202 Kilometern schließlich den belgischen Etappenzielort Lüttich. Und weil die Radsport-Weltklasse naturgemäß im Höchsttempo vorbeirast, holt Siegbert Zimmer diese über vier große TV-Bildschirme für die ganze Tourdauer in sein Radsportmuseum, das er in unzähligen Stunden in den Räumen der alten Siloanlage an der Dahlener Straße 4 in Rickelrath eingerichtet hat. Dort findet die Premiere des Radsport-Public-Viewings am Montag ab 14 Uhr statt. Bis auf die Ruhetage am 10. und 17. Juli dann durchgehend bis zum 23. Juli täglich. Und welche Resonanz erwartet der Hausherr: "Wer kütt, der kütt. Jeder ist bei freiem Eintritt herzlich willkommen, das größte Radsportereignis in gemeinsamer Runde zu verfolgen. Vielleicht auch interessant für Ausflugsradler, um hier bei uns ein Päuschen einzulegen und sich an alter und neuer Radsportgeschichte zu erfreuen", sagt der 76-Jährige mit glänzenden Augen, in denen man meint, sich drehende Räder und Pedale zu erkennen. "Vor drei Jahren hat das, was jetzt gerade passiert, angefangen", weiß der KFZ-Sachverständige, der sein Büro in Mönchengladbach hat, aber im Oldtimerhof am Angerweg in Rickelrath lebt: "Ich wollte ursprünglich einen Raum mit Historie zum Radsportklassiker Paris - Roubaix, einem der fünf Radsportmonumente mit den berüchtigten Kopfsteinplasterdistanzen einrichten." Als dann klar war, dass die Tour de France ins Rheinland kommen würde, "habe ich umgesattelt".

Über die Passion und den anerkannten Sachverstand zu vierrädrigen Oldtimern hat Siegbert Zimmer nie seine enge Verbundenheit zum Rennradsport verloren. In seiner Geburtsstadt Rheydt gründete er vor 61 Jahren einen Radsportverein, fuhr mit 14 schon sein erstes Rennen. Doch dann hatte die berufliche Ausbildung Vorrang, "wurde so aber auch die Basis, um mein Hobby ausleben zu können". Unvergessen ist eine Radtour zur Weltausstellung 1958 in Brüssel, wo ihn natürlich das heute noch als technisches Wunderwerk geltende Atomium begeisterte. Er war bei "Rund um Köln" dabei, besuchte das 6-Tage-Rennen im legendären Berliner Sportpalast und war selbstverständlich Zuschauer bei Tour-Etappen, wie am Col d'Ausbisque (1709 Meter), am Col du Galibier (2645) oder beim Zeitfahren in Brüssel.

Siegbert Zimmer und seine Lebenspartnerin Mechthild Gössling haben mit einigen Freunden dafür gesorgt, dass man auch in Rickelrath das Gefühl hat, bei einer solchen Tour-Etappe dabei zu sein. Auf einer raumfüllenden auf dem Boden aufgemalten Frankreich-Karte in den Farben der Trikolore sind alle Tourabschnitte eingezeichnet. Und man kann dabei nicht nur mit den Augen auf den vier TV-Geräten aktiv sein, sondern auch die Beine einsetzen im Rennradsattel von Rollenzeitmaschinen, die mit einer Uhr gekoppelt sind. Das gilt aber nur fürs weibliche Geschlecht und nennt sich Lady-Sprint. Eigentlich ist die Frage nach Herkunft der Wettkampfeinrichtung überflüssig: Marke Eigenbau des ewig tüftelnden und rastlosen Hausherrn. Der Wettkampf (eine Minute einfahren, 60 Sekunden sprinten) wird von Heidi Matwew aus der bekannten Oberbrucher Radsportfamilie begleitet. Heide Matwew bestritt dreimal die Tour de France feminin, wurde 1986 Deutsche Meisterin in der Einer-Verfolgung auf der Bahn und ein Jahr später WM-Achte im Vierer-Straßenrennen. Etappenköniginnen des Lady-Sprints wird auch sie die Siegerschleifen überreichen.

Neben dem Anfeuern der sportlichen Ladys oder dem Tour-TV-Vergnügen wird das Tourfieber in Rickelrath durch unzählige Radsportdevotionalien noch gesteigert - ob historische Plakate an den Wänden, Pokale, Renntrikots oder Fachzeitschriften. Und gleich nebenan betritt man das Velodrom. Dort hat Siegbert Zimmer ein Stück Holzbahn des Berliner Velodroms mit Steilkurve nachgebaut und darauf Radrennräder platziert. Auch eines mit der ebenfalls original Derny-Maschine des Deutschen Meisters Herbert Bolten (Mönchengladbach) aus den 1950er Jahren. Und macht man die Augen zu, dann fühlt man sich sogar rückversetzt in die 1920er Jahre, als Reinhold Franz Habisch als "Krücke" zu einem Berliner Original wurde, bekannt dafür, dass er den beliebten Sportpalastwalzer noch berühmter machte. Vom Heuboden, den billigen Plätzen unterm Dach also, pfiff "Krücke" den dritten Takt lautstark mit. Und die Halle tobte. "Das ist Kulturgut, das müssen wir erhalten", schwärmt Siegbert Zimmer, der sich nun darauf freut, zumindest für die nächstens drei Tour-Wochen die Freude am Radsport mit anderen Fans teilen zu können.

Quelle: RP
 
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