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Serie Pape läuft (Folge 9)
Trockene Baustelle

Serie Pape läuft (Folge 9): Trockene Baustelle
Erwischt! Weil er seine Wasserflaschen nicht wiederfinden konnte, stieg Christian Pape auf alternative Flüssignahrung um. FOTO: Amelie Pape
Beeck. Laufen wie ein Profi: Vor seinem Training deponiert Christian Pape Trinkflaschen im Gebüsch - dumm nur, dass er sie nicht wiederfindet.

Was in der Bergsteigerszene der "Yeti" ist, ist in der Läuferszene das "Runner's High", das Läuferhoch. Nur wenige haben es schon mal erlebt, und wer davon berichtet, hat einen mystischen Glanz in den Augen. Als Läufer kann man sich angeblich bei einem Langstreckenlauf in einen schmerzfreien und euphorischen Gemütszustand laufen. Ein Glücksgefühl, ein Rauschzustand, der einem suggeriert, ewig weiterlaufen zu können. Man befindet sich nur noch im Hier und Jetzt. Ganz ehrlich, bei mir ist es so, wenn ich lange laufe, kommt irgendwann der tote Punkt und dann bin ich einfach nur noch platt und kaputt. Keine Mystik - nichts!

Beim "Runner's High" ist das Gehirn so sehr mit den koordinativen Aufgaben der Bewegung beschäftigt, dass gewisse Hirnregionen aus Energiegründen einfach abgeschaltet werden. Wahnsinn, Hirnregionen werden abgeschaltet! Wir Rheinländer kennen das nur vom Karneval und Schützenfest feiern. Aber vom Laufen?

Ich bin gespannt, ob ich heute auch mal diese höchste Stufe der Läufer-Erleuchtung erklimme. Immerhin nehme ich mir vor, die magische Grenze von 30 Kilometern zu meistern. 30 Kilometer - von Beeck nach Roermond zum Beispiel. Das zieht sich. Daher habe ich mir einen psychologischen Trick überlegt: Ich jogge meine übliche 10-Kilometer-Runde einfach dreimal. Genial! Denn immer wenn ich nach rechts schaue, sehe ich den Beecker Kirchturm, also Heimat! So habe ich nie das Gefühl, weit von zu Hause weggelaufen zu sein und fühle mich dann bestimmt nicht so matt und erschöpft. Laufen macht erfinderisch!

Doch wie organisiere ich meine Flüssigkeitsaufnahme bei so einem langen Lauf? Früher sagte Oma immer: "Jung, trink nicht so viel, sonst hast Du gleich beim Essen keinen Hunger!" Heute weiß man, für normal aktive Menschen gilt der Bedarf von ca. 2,5 Litern Flüssigkeit pro Tag. Während des Laufens ist es ratsam, nach einer Stunde etwa alle 20 Minuten zu trinken. Deshalb gibt es im Fachmarkt spezielle Gürtel mit Trinkfläschchen, sogar Trinkrucksäcke mit Trinkschläuchen. Ich habe alles getestet. Aber diese wackelnden, schwappenden Behältnisse um meine Hüften oder auf meinem Rücken scheiden für mich aus. Das Plätschern sorgt bei mir nämlich immer dafür, dass ich mal muss. Ein Trauma aus meiner Kindheit. Als ich klein war, hat Mama abends vor dem Schlafengehen auf der Toilette den Wasserhahn aufgedreht, damit ich Müssen kann, bevor ich mich mit geleerter Blase in die Welt der Träume verabschiede. Tja, und beim Laufen befällt mich durch das Plätschern immer dann dieser Drang, wenn ich am weitesten von unserer Toilette entfernt bin.

Doch mir kommt die rettende Idee. Ich will ja meine 10-Kilometer-Runde dreimal laufen. Also deponiere ich vorher Trinkflaschen entlang meiner Laufstrecke hinter einem Baum oder Gebüsch oder verstecke sie im hohen Gras. Prima! Und dann geht es auch schon los. Auf meiner ersten Runde treffe ich viele Leute in ihren Gärten. Sie halten ein kühles Bier in der Hand, wenden die Grillwürstchen und winken mir freundlich zu. Ich schwitze, meine Beine sind schwer und in meinem Kopf hämmert das rheinische Sprichwort: "Et jibt kein größer Leid, als dat wat man sich selbst andeit!"

Aber ich bin diszipliniert, laufe mit knurrendem Magen weiter und biege nach einer Stunde in meine zweite Laufrunde ein. Von der grillenden Nachbarschaft, der ich erneut begegne, bekomme ich natürlich den Klassiker zu hören: "Beim nächsten Mal gibst Du aber einen aus!" Ausgeben - stimmt, es ist Zeit zum Trinken! Ich komme zu meinem ersten Wasserdepot - denke ich. Dummerweise habe ich mir das Versteck nicht gut genug gemerkt. Und statt zu trinken, springe ich nun durch Büsche und Hecken und suche nach meinem Wasser. Ohne Erfolg! Ich laufe weiter zum nächsten Depot - und finde diese blöde Wasserflasche wieder nicht. Kein Wasser, dafür zwei Zecken in der rechten Kniekehle. Verdammt!

Die Hitze wird immer unerträglicher. Nach 21 Kilometern geht mir die Puste aus. Mir wird schwindelig, und ich habe eine seltsame Leere im Kopf. Ist das das viel beschworene "Runner's High"? Nein! Durch die übermäßige Dehydrierung fehlt meinen Muskeln H2O. Der Körper kann keine Energie mehr mobilisieren. Dankbar nehme ich das kühle Bier entgegen, das mir ein Grillfreund mitfühlend über die Gartenhecke reicht und schütte es ex in mich hinein. Die Grillwurst putze ich gleich auch noch weg. Ein paar Kalorien können nicht schaden.

Auf meiner dritten Runde reift in mir der Verdacht, dass die Leute in ihren Gärten ganze Schweine grillen müssen. Denn alle, die gefordert haben, dass ich beim nächsten Mal einen ausgeben muss, sitzen immer noch in ihren Grünanlagen. Sie scheinen mit einem schadenfrohen Grinsen auf den Lippen geradezu auf mich zu warten. "Dann kann ich für nächste Woche direkt den kompletten Beecker Pfarrsaal samt Bierwagen buchen", denke ich noch so bei mir und laufe, laufe, laufe. Nicht schnell, aber irgendwie mühelos. Kein Denken, kein Fühlen. Plötzlich erschrecke ich. Wo ist der Kirchturm? Weg! Das gibt's doch nicht! Ich bin wohl irgendwann in einen Waldweg abgebogen und stehe nun verdutzt zwischen hohen Buchen und lautem Vogelgezwitscher. Fast zwei Kilometer haben mich meine Füße unbemerkt durch den Wald getragen. Wie bin ich hierhergekommen? Bin ich jemandem begegnet? Wenn ja, möchte ich mich an dieser Stelle bei allen entschuldigen, die meinen Gesichtsausdruck ertragen mussten, der den Eindruck vermittelt hat: Hunderttausend Volt in den Oberschenkeln, aber im Oberstübchen brennt trotzdem kein Licht.

Ich kann nichts dafür. Mein Gehirn hat einfach gewisse Regionen ausgeschaltet. Also, solltet Ihr mich wieder in einer solchen Situation antreffen, braucht Ihr keine Angst zu haben. Ich beiße nicht. Ich will nur spielen. Tja, so ein "Runner's High" ist schon toll. Schade nur, dass man sich danach nicht mehr so recht daran erinnern kann. Aber eine Sache habe ich behalten: Für das nächste Mal kaufe ich mir Wasserflaschen in leuchtendem Orange. Nicht in Grasgrün!

Autor Christian Pape (42) ist Humorist und Hobbyläufer. Am 2. Oktober 2016 geht er mit RP-Redakteur Michael Heckers (42) beim Köln-Marathon an den Start.

Quelle: RP
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