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Wie stellen sich Jugendliche die Kirche der Zukunft vor?
„Wir wollen nicht bepredigt werden“

Wie stellen sich Jugendliche die Kirche der Zukunft vor?: „Wir wollen nicht bepredigt werden“
Junge Leute im Alter von 15 bis 17 Jahren aus Wegberg erklären im Gespräch mit Schulseelsorgerin Klaudia Rath, wie sie sich die Kirche der Zukunft vorstellen. FOTO: Laaser, Jürgen
Wegberg. Klassenlehrerstunde in der 10b der Gemeinschaftshauptschule Wegberg: Junge Leute im Alter von 15 bis 17 Jahren erklären im Gespräch mit Schulseelsorgerin Klaudia Rath, wie sie die Weihnachtstage verbringen und wie sie sich die Kirche der Zukunft vorstellen. Von Michael Heckers

Heiligabend geht es in die Kirche. Ansonsten steht sonntags bei den allermeisten Schülern ausschlafen auf dem Programm – so sieht in vielen Familien der religiöse Alltag aus. Hanne Janus ist Klassenlehrerin der 10b in der Gemeinschaftshauptschule Wegberg (Schule am Grenzlandring). Die 25 Schülerinnen und Schüler in ihrer Klasse sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. In der Klassenlehrerstunde der 10b mit Gemeindereferentin und Schulseelsorgerin Klaudia Rath sitzen junge Katholiken neben Protestanten und Muslimen. Sie sprechen dort über religiöse und soziale Themen. Klaudia Rath erklärt, dass es unabhängig von Religion oder Konfession immer um zwei zentrale Fragen geht: Woher komme ich? Und wohin gehe ich? Die jungen Leute erklärten außerdem, wo sie am liebsten über diese Fragen nachdenken wollen.

Die bevorstehenden Weihnachtstage verbringen die meisten Schüler aus der 10b mit Verwandten und Freunden. "Meine Eltern sind gläubig und haben mich früher immer mit in die Kirche genommen. Heute gehe ich aber nicht mehr in die Kirche. Wenn ich beten möchte, kann ich das auch zu Hause, dafür brauche ich nicht in die Kirche", berichtet ein Schüler. Auch sein Klassenkamerad schläft sonntags lieber aus und verzichtet auf den Gottesdienstbesuch – außer an den Festtagen. "Weihnachten ist Kirche wichtig. Das gehört einfach dazu", sagt er. Bei Yannick läuft das anders: "Ich feiere Weihnachten gar nicht. Bei mir läuft drei Tage lang der Fernseher. Weihnachten interessiert mich nicht." Auch sein Klassenkamerad, der Muslim ist, feiert an den Weihnachtstagen nicht. "Wir feiern das Zuckerfest. Dann kommt die ganze Familie zusammen. Aber Weihnachten ist für uns nichts Besonderes."

Ein anderer Jugendlicher, Portugiese und gläubiger Christ, freut sich hingegen riesig auf die bevorstehenden Festtage. "Nach dem Essen gibt es Bescherung, dann fahren wir alle zusammen nach Mönchengladbach zum portugiesischen Verein", erklärt er. Sein Klassenkamerad Felix sagt von sich selbst, dass er mindestens einmal im Monat in die Kirche geht. Das sei ihm ebenso wichtig wie das Weihnachtsfest mit dem gemeinsamen Essen, Liedersingen und die Bescherung mit der Familie. Felix liest christliche Zeitschriften und ist Mitglied in einer WhatsApp-Gruppe, die sich mit kirchlichen Themen beschäftigt. Wie die meisten seiner jungen Klassenkameraden ist ihm das Thema Musik besonders wichtig. "Es gibt hervorragende DJs, die christlichen Dubstep, Elektro Worship und Dance Music machen", sagt er. Felix wünscht sich, dass sich die Kirche in Zukunft stärker als bisher an den Bedürfnissen junger Menschen orientiert.
In der Diskussion zeigt sich, dass die Gesellschaft multi-religiöser und säkularer geworden ist. "Wer von Euch redet regelmäßig mit Gott? Egal, ob in der Kirche oder zu Hause", fragt Klaudia Rath in die Runde. Neun von 25 Schülern zeigen auf. Zwei erklären geradeheraus, dass sie nicht an einen Gott glauben. Sie bezeichnen sich selbst als Atheisten. Vielen jungen Leuten sei der Besuch in der Kirche zu langweilig. "Da sind zu viele alte Leute", heißt es.

Auch Yessica ist keine regelmäßige Kirchgängerin. Die junge Frau hat festgestellt, dass sie tiefsinnige Gespräche, bei denen sie viel nachdenkt, am besten abends mit ihrer besten Freundin führen kann. Beim klassischen Gottesdienstbesuch in der Kirche kommt Yessica der soziale Aspekt viel zu kurz. "Ich fände es gut, wenn man mehr miteinander ins Gespräch kommen könnte", sagt sie. Ihre Klassenkameradin Hannah meint, dass sich Gottesdienste mehr am Zeitgeist orientieren müssten, beispielsweise durch mehr Musik. Dass der Pastor oben am Altar predigt, während unten alle anderen brav zuhören, stehend, knieend oder auf harten Holzbänken sitzend, sei längst nicht mehr zeitgemäß. "Wir wollen nicht bepredigt werden", sagen die jungen Leute. "Es müsste ein Gespräch geben, ein gemeinsames Erzählen und ein viel größeres Miteinander", fordert eine Schülerin. Und ihre Klassenkameradin berichtet, dass es durchaus gute Ansätze gibt, die man ausbauen sollte, um Kirche für junge Leute interessanter und damit zukunftsfest zu machen: "Ich habe schon mal einen Gottesdienst als Weihnachtsparty mit mehr als 2000 Schülerinnen und Schülern erlebt. Das war richtig klasse."

 
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