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Stefan Krause
Arbeitgeber müssen umdenken und werben

Stefan Krause: Arbeitgeber müssen umdenken und werben
Auch im Hotel- und Gaststättengewerbe werden Auszubildende gesucht. FOTO: Gerhard Seybert
Wermelskirchen. Lehrstellensituation: Jugendliche scheinen kein Interesse mehr am Handwerksberuf zu haben. 2015 Bewerber sind unversorgt.

Bergisches Land Die BM sprach mit Stefan Krause, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, über die Situation auf dem Lehrstellenmarkt.

Herr Krause, wie beurteilen Sie die Situation auf dem Ausbildungsmarkt im Gebiet der Agentur?

Krause Der Agenturbezirk ist in den drei Gebietskörperschaften - Rheinisch-Bergischer Kreis (RBK), Oberbergischer Kreis (OBK) und Leverkusen recht unterschiedlich aufgestellt. Das Berufsberatungsjahr endet jedoch erst zum 30. September, so dass hier noch viel Bewegung entstehen wird. Immer mehr Arbeitgeber entscheiden sich erst spät, wen sie als Auszubildende(n) einstellen.

Was zeigt ein Vergleich mit den Nachbarregionen?

Krause Auch hier ist noch viel in Bewegung. Es bestehen teilweise auch sehr enge Verflechtungen - etwa der Nordkreis des Rheinisch-Bergischen Kreise mit Remscheid. Man kann jedoch Köln oder das Bergische Städtedreieck nicht mit den eher ländlichen Gebieten Rhein-Bergs und Oberbergs vergleichen. Da gibt es doch sehr unterschiedliche Herausforderungen.

Was sind die begehrtesten Berufe im Bergischen?

Krause Die Top10 bleiben seit Jahren sowohl für Männer als auch Frauen ähnlich: Kaufmann für Büromanagement bzw. Industriekaufmann, Kaufmann im Einzelhandel, Kfz-Mechatroniker, Medizinische Fachangestellte sowie Fachlagerist und die Fachkraft Lagerlogistik gehören in allen drei Regionen dazu.

Gibt es Trends auf dem Ausbildungsmarkt?

Krause Die Nachfrage zum Beispiel im Gesundheitsbereich ist bekanntermaßen hoch auf dem Ausbildungsmarkt. Der Bereich Lager/Logistik wird immer stärker - hier schlägt sich der immer umfangreicher werdende Online-Handel nieder. Und natürlich der IT-Bereich als Zukunftsbranche. Leider fallen die traditionellen Handwerksberufe immer mehr aus dem Fokus der Jugendlichen. Zum Beispiel im Bereich Elektronik, Sanitär/Heizung/Klimatechnik, aber auch Bäcker, Metzger oder Dachdecker. Diese Berufe suchen dringend Nachwuchs. Doch die Jugendlichen interessieren sich immer weniger dafür.

Wie viele Jugendliche sind im Bergischen derzeit unversorgt?

Krause Aktuell gelten agenturweit noch 2015 Bewerberinnen und Bewerber als unversorgt. Davon entfallen 443 auf Leverkusen, 960 auf den Obergischen und 894 auf den Rheinisch-Bergischen Kreis.

Wie kann ihnen geholfen werden?

Krause Im Moment stehen den Jugendlichen noch nahezu alle Möglichkeiten offen. Den unversorgten Bewerbern stehen auch noch 1583 unbesetzte betriebliche Ausbildungsstellen gegenüber. Dies sind natürlich nur die, die von den Arbeitgebern bei der Agentur für Arbeit gemeldet wurden und uns dadurch bekannt sind - darüber hinaus gibt es noch mehr freie Ausbildungsstellen, die eben nicht bei uns gemeldet sind. Einige Bewerber werden sich alternativ für eine schulische Ausbildung entscheiden, andere vielleicht doch noch für ein Studium oder einen weiteren Schulbesuch, etwa am Berufskolleg.

Welche besonderen Herausforderungen müssen die Jugendlichen meistern, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen?

Krause Aus etwa 330 dualen Ausbildungsberufen denjenigen zu finden, der zu einem passt, ist per se schon eine Herausforderung. Dazu kommen die schulischen Ausbildungsberufe und auch noch die Studienmöglichkeit. In den ländlicheren Regionen von Rhein-Berg und in Oberberg kann auch die regionale Mobilität eine Herausforderung sein. So kann etwa ein passender Ausbildungsplatz in Radevormwald von einem nicht motorisierten Bewerber aus Nümbrecht oder Reichshof häufig nicht genutzt werden. Aber auch die Anforderungen in den einzelnen Ausbildungsberufen wachsen. Der Dachdecker ist heutzutage auch Energieberater. Der Elektriker von früher richtet jetzt als Elektroniker Smart-Homes ein - und berät Hauseigentümer, wie das am besten funktioniert. Der Kfzler schraubt nicht mehr an Motoren, sondern arbeitet mit dem Laptop.

Und die Unternehmen? Was müssen sie tun, um einen Auszubildenden an Land zu ziehen?

Krause Viele Firmen klagen darüber, dass sie nicht genügend und/oder nicht genügend qualifizierte Bewerbungen erhalten. Dies ist natürlich auch den rückläufigen Schülerzahlen - vor allem in Oberberg - geschuldet. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Arbeitgeber müssen selbst aktiv werden und um die Jugendlichen "werben". Die Schulnoten allein dürfen nicht das Kriterium sein. Motivation und Geschick sind ebenso wichtig. Leider erhalten Jugendliche zu oft keine Chance, sich persönlich zu präsentieren, weil die Noten zu schlecht erscheinen. Wichtig ist auch zu überprüfen, ob das Abitur oder der sehr gute Realschulabschluss tatsächlich notwendig ist - oder ob man nicht doch vermeintlich schwächeren Bewerberinnen und Bewerbern eine Chance gibt.

Und wenn Jugendliche gar keinen Ausbildungsplatz oder keine Alternative dazu finden?

Krause Dann kann die Agentur für Arbeit mit ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen oder einer Einstiegsqualifizierung weitere Möglichkeiten anbieten, um doch noch eine Ausbildungsaufnahme zu ermöglichen oder zumindest vorzubereiten.

Was müssen diese Jugendlichen dafür tun?

Krause Es ist ja klar: Sie müssen bei uns gemeldet sein. Aber es ist noch nicht zu spät. Der erste Schritt ist, einen Berufsberatungstermin zu vereinbaren. Entweder über die Telefonnummer 0800 4 5555 00 oder im Internet www.arbeitsagentur.de/beratungswunsch .

BERND GEISLER STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
 
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