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Christoph Lützenkirchen
Auch Inklusion kommt an ihre Grenzen

Christoph Lützenkirchen: Auch Inklusion kommt an ihre Grenzen
Viele Schulen wie die Schwanenschule oder die katholische Grundschule überfordert die Inklusion nicht, andere aber wohl doch. FOTO: Matzerath (Archiv)
Wermelskirchen. Christoph Lützenkirchen ist in der Schulaufsicht des Rheinisch-Bergischen Kreises. Er ist ein Verfechter der schulischen Inklusion. Was ihn nicht von kritischen Tönen abhält.

Rainer Deppe, CDU-Landtagsabgeordneter für den Rheinisch-Bergischen Kreis, hat sich im Gespräch mit dieser Zeitung kritisch zur schulischen Inklusion in NRW geäußert. Es könne nicht bestritten werden, dass bei der Umsetzung der Inklusion Missstände bestehen. Stimmen Sie ihm zu?

Lützenkirchen Natürlich kann ich nicht für das Land sprechen, sondern nur für den Rheinisch-Bergischen Kreis. In unserer Region verläuft die Inklusion, also das Gemeinsame Lernen, insgesamt gut. Es gibt jedoch Einzelfälle, bei denen man näher hinsehen muss. Natürlich kommt auch die Inklusion irgendwann an ihre Grenzen. Für Probleme habe ich aber immer ein offenes Ohr und helfe gerne weiter.

Sie klingen entspannt. Dennoch betonen auch Sie im jüngsten Inklusionsbericht, dass es "eine Vielzahl an Fragen und Herausforderungen gibt". Was meinen Sie konkret?

Lützenkirchen Wenn Veränderungen anstehen, ist dies immer mit Herausforderungen verbunden. Beispielsweise brauchen Eltern mehr Hilfe und Informationen aus einer Hand, denn bei der Inklusion sind viele unterschiedliche Akteure im Spiel. Eine Hilfestellung dazu ist das Infoportal Schulische Inklusion, das den Ansatz verfolgt, Transparenz in das Verfahren und bestehende Verantwortlichkeiten zu bringen. Daneben müssen aber auch die Experten besser miteinander vernetzt werden, um so den Eltern und ihren Kindern besser zur Seite stehen zu können. Bei den Förderschulen gelingt dies aufgrund ihrer Struktur einfacher.

Die Verbesserungen sollten schnell erfolgen, denn die Inklusionsquoten steigen stetig.

Lützenkirchen Es stimmt, dass erfreulicherweise immer mehr Kinder mit besonderem Förderbedarf in Regelklassen inklusiv gefördert werden. In unserem Kreis sind es inzwischen fast 40 Prozent der Kinder mit einem nachgewiesenen sonderpädagogischen Förderbedarf. Viele Schulen wie die Katholische Grundschule Sankt Michael oder die Schwanenschule, um das Beispiel Wermelskirchen zu nehmen, überfordert das nicht. Denn sie praktizieren Inklusion schon lange. Zudem ist man in Wermelskirchen mit dem Modell der Inklusionshelfer vorbildlich aufgestellt und hat sich das Gemeinsame Lernen schon früh auf die Fahnen geschrieben. Dennoch gibt es auch dort Schulen, die hiermit noch keine große Erfahrung haben. Wer damit erst seit zwei oder drei Jahren zu tun hat, hat natürlich mehr Fragen.

Was geschieht, wenn die Inklusion in einzelnen Fällen spätestens an der weiterführenden Schule scheitert?

Lützenkirchen Der Förderbedarf der Kinder wird jährlich überprüft. Dazu zählt auch, ob der Förderort der richtige ist. Dabei kommt es in Ausnahmefällen vor, dass Kinder entweder von der Förderschule auf eine Regelschule wechseln, aber auch umgekehrt. Es passiert jedoch auch Kindern ohne diagnostizierten Unterstützungsbedarf, dass ein frei gewählter Bildungsweg sie im Laufe der fünften oder sechsten Klasse überfordert und sie etwa vom Gymnasium auf die Sekundarschule wechseln müssen. Ich finde, wir sollten Kinder mit Förderbedarf nicht anders behandeln und ihnen das Recht gewähren, eine Schulform zu erproben.

Was ist mit jenen Kindern, bei denen in der Grundschule kein Unterstützungsbedarf festgestellt wurde, die diesen aber augenscheinlich haben?

Lützenkirchen Bei Schwierigkeiten in diesem Bereich brauchen die Eltern keinen Antrag zu stellen. So möchte man vermeiden, den Kindern einen "Stempel" aufzudrücken. Daher haben die Pädagogen in den Grundschulen diese Kinder besonders im Blick, so dass sie spezielle Förderung bekommen. Die Information, dass bei einem Kind Unterstützungsbedarf besteht, fließt auch dann - mit Einverständnis der Eltern - an die weiterführende Schule, wenn das Kind in keiner Statistik von Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf erfasst ist. Wichtig ist, dass die Regelschulen melden, wenn es Probleme gibt. Nur dann kann reagiert werden.

Der Inklusionsbericht des Kreises zu Förder- und Inklusionsquoten wurde bisher nur für die Grundschulen erstellt. Kommt jetzt eine Analyse für die Sekundarstufe I ?

Lützenkirchen Der Inklusionsbericht zeigt auf, an welchem Punkt wir stehen und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Natürlich können wir nur verbessern, was wir zuvor gut analysiert haben. Darum möchten wir gemeinsam mit der Oberen Schulaufsicht, die für die weiterführenden Schulen verantwortlich ist, künftig auch Daten und Fakten von den weiterführenden Schulen erhalten. Nur auf dieser Grundlage lässt sich die Diskussion versachlichen.

Was wird aus den Förderschulen?

Lützenkirchen Im Rheinisch-Bergischen Kreis haben wir uns frühzeitig auf den Weg gemacht, um die Förderschullandschaft gut und zukunftssicher aufzustellen. Daher haben wir die Schulverbünde eingeführt. Insgesamt gibt es im Rheinisch-Bergischen Kreis sechs öffentliche und eine private Förderschule. Vier davon - verteilt auf sechs Standorte - liegen in Trägerschaft des Kreises. Daran wird sich auch nichts ändern.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MELANIE APRIN

Quelle: RP
 
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