| 00.00 Uhr

Serie 60 Minuten Im Ehrenamt
Begleitung auf dem letzten Weg

Serie 60 Minuten Im Ehrenamt: Begleitung auf dem letzten Weg
Andrea Winter bezeichnet den Tod als etwas sehr Friedliches. Niemand müsste um die Verstorbenen trauern. FOTO: jürgen moll
Wermelskirchen. Andrea Winter ist Sterbebegleiterin. Die 51-jährige Wermelskirchenerin hat sich erst im Vorjahr für das besondere Ehrenamt entschieden und beim Hospizverein einen Befähigungskursus gemacht. Für sie ist diese Arbeit eine sehr befriedigende Sache. Von Wolfgang Weitzdörfer

Wermelskirchen Andrea Winter hat sich immer schon für alle Vorgänge rund um das Leben interessiert. Dazu gehört für die 51-jährige Industriekauffrau aus Wermelskirchen auch das Unausweichliche: "Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens", sagt Andrea Winter. Sie begleitet seit einem knappen Dreivierteljahr Menschen auf ihrem letzten Weg. Die 51-Jährige ist Sterbebegleiterin und arbeitet ehrenamtlich im Hospizverein mit.

Dafür hat sie einen neunmonatigen Befähigungskursus absolviert. "Darin enthalten waren acht Themenabenden und fünf Wochenenden, es waren insgesamt 80 Unterrichtsstunden", sagt sie. In diesem Kursus, den sie im Frühjahr 2016 zusammen mit zwölf anderen Männern und Frauen aus Radevormwald, Remscheid, Hückeswagen und Wermelskirchen besucht hat, wurde sie darauf vorbereitet, sterbende Menschen zu begleiten. "Das kann nicht jeder, es ist ein Herantasten an die sterbenden Menschen. Der Kursus war sehr intensiv, wir haben sehr viel und sehr offen diskutiert", sagt die 51-Jährige. Eine Teilnehmerin habe direkt gemerkt, dass die Tätigkeit nichts für sie sei und nach der ersten Einheit abgebrochen.

Angeboten wird der Kursus vom Netzwerk Ambulante Hospizarbeit, das in allen vier Städten präsent ist. Anke Stolz ist Koordinatorin und arbeitet für den Hospizverein Wermelskirchen. "Wir wählen die Teilnehmer für die Befähigungskurse nach deren Anmeldung aus. Wenn jemand beispielsweise selbst gerade in frischer Trauer ist, nehmen wir ihn nicht", sagt sie. Das wäre für die spätere Arbeit eher kontraproduktiv. "Das heißt aber nicht, dass für diese Menschen die Tür zum Ehrenamt für immer verschlossen bleibt. Wir fragen nach etwa einem Jahr noch einmal nach. Es gibt nur wenige Kriterien, wegen derer Teilnehmer abgelehnt werden", sagt Stolz. Ein anderes sei etwa, wenn eine Art Helfersyndrom erkennbar ist.

Winter hatte ihre erste Begleitung kurz vor Weihnachten 2016. "Es war der 20. Dezember, als ich die Dame, die ich über die nächsten vier Monate begleiten sollte, zum ersten Mal traf", erinnert sie sich. Die alte Frau lebte damals in einer Demenz-WG, ihre Krankheit war schon so weit fortgeschritten, dass sie sich nicht mehr klar artikulieren konnte. "Sie redete und redete, aber es waren keine Worte mehr zu verstehen", sagt Winter. Sie habe der alten Frau viel erzählt, ihr die Haare gekämmt oder eine Handmassage gemacht. "Ich war einmal in der Woche dort. Als es dann aber akut wurde und der Tod absehbar näherkam, bin ich öfter hingegangen", sagt die 51-Jährige, die verheiratet ist und zwei Kinder hat.

In ihrer Arbeit erlebt sie sowohl längere Begleitungen als auch ganz kurze. Sie erinnert sich etwa an einen akuten Fall: "Da wurde ich angerufen, eine Frau liege im Krankenhaus Wermelskirchen im Sterben, ob ich kommen könnte." Sie sei dann hingegangen, habe im Krankenzimmer die zwei Töchter der Frau angetroffen. "Ich habe zu ihnen gesagt: Gehen Sie doch mal eine Pause machen, einen Kaffee trinken." Dann ging alles ganz schnell: "Während die Töchter aus dem Zimmer waren, ist die Mutter verstorben", sagt Winter. Die Betreuung der Angehörigen sei dann ebenfalls Teil ihrer Arbeit - allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. "Es gibt ja auch noch die Trauerbegleitung, dazu müsste ich aber noch einen anderen Kursus machen. Außerdem übernimmt man in der Regel in einem Fall nie die Sterbe- und die Trauerbegleitung", sagt Winter.

Für die 51-Jährige ist ihr Ehrenamt eine sehr befriedigende Sache: "Ich bin ein gläubiger Mensch, der Tod ist für mich eine Geburt in das nächste Leben. Menschen dabei zu begleiten, ist ein großes Geschenk. Denn der Tod ist etwas sehr Friedliches", beschreibt sie ihre Arbeit. Sie bekomme von den Menschen, die sie begleitet, sehr viel zurück. "Es ist nicht nur ein Geben - etwa meiner Zeit oder Aufmerksamkeit -, sondern genauso ein Nehmen: Ich bekomme Dankbarkeit, ein Lächeln etwa, oder eine freundliche Begrüßung", sagt Winter.

Für sie ist eines klar: "Wir müssten um die Verstorbenen nicht trauern. Wir sollten uns freuen, dass sie auf einer anderen Ebene angekommen sind," sagt die 51-Jährige.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie 60 Minuten Im Ehrenamt: Begleitung auf dem letzten Weg


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.