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Heimat erleben
Brauchtumspflege nicht nur per Säbel

Heimat erleben: Brauchtumspflege nicht nur per Säbel
$ Wolfgang Müller, Vorsitzender des Solinger Hahneköpp-Vereins "Haut ihn". FOTO: Kempner, Martin (mak)
Wermelskirchen. "Hahneköppen" hat im Bergischen eine lange Tradition. Ausgestorben ist hingegen die Variante mit Schwänen. Von Alexander Riedel

Beim Blick in die Vereinschronik umspielt ein Lächeln Wolfgang Müllers Gesicht: "Das sieht heute noch genauso aus wie damals", erklärt er und deutet auf ein Schwarzweiß-Foto, das einen Umzug aus dem Jahr 1961 zeigt. Brauchtumspflege, Freundschaft und Respekt bezeichnet Müller als die grundlegenden Säulen des Hahneköpp-Vereins "Haut ihn", dessen Vorsitz er innehat.

Aus der Taufe gehoben hatte den Verein eine Hand voll Männer aus Gräfrath im August des Jahres 1929. "Wahrscheinlich aus einer Bierlaune heraus", wie Müller vermutet. In dieser Zeit entstanden in der Klingenstadt reihenweise Hahneköppervereine. Auch heute sind noch einige davon aktiv, sogar eine Neugründung gab es kürzlich - im Gegensatz zu den Schwaneköppern, die in Solingen mittlerweile von der Bildfläche verschwunden sind.

Gemein sind den Vereinen kernige Namen wie "Schlag Aff" oder "Blenk dropp" - und ein besonderes Schauspiel zu den jährlichen Festen: Wer sich dem Wettstreit mit den Vereinskollegen stellen will, lässt sich die Augen verbinden und einen stumpfen Säbel in die Hand drücken. Mit dieser Ausrüstung versucht er nun, gelotst von den Rufen der Zuschauer, den Weg zu einem kopfüber in einem Korb befestigten Hahn zu finden, um diesem den Kopf abzuschlagen - ein nicht gerade leichtes Unterfangen. Wer jedoch erfolgreich ist - und sei es nur, weil er die schlagkräftige Vorarbeit der Konkurrenz vollendet hat - wird für ein Jahr zum König gekrönt.

Woher dieser Brauch kommt, ist unklar. Eine populäre Theorie sieht im enthaupteten Gefieder den "gallischen Hahn" als Symbol für die französischen Besatzer des frühen 19. Jahrhunderts. Andere Quellen legen nahe, dass es "Hahneköppen" im geselligen Rahmen schon 400 Jahre zuvor in Hofschaften des Bergischen Landes gab.

Jedermanns Sache ist das derbe Ritual der Feste nicht. Tierschützern ist der Brauch seit langem ein Dorn im Auge. In manchen Städten ersetzt deshalb inzwischen ein Gummihahn das echte Federtier - nicht allerdings in der Klingenstadt. Den Kritikern nimmt Wolfgang Müller jedoch den Wind aus den Segeln: "Wir fragen bei Bauernhöfen nach einem alten Hahn, der vor dem Fest fachgerecht getötet und später in der Fauna verfüttert wird", erklärt der Vorsitzende und stellt klar: "Es gibt dabei keinen Verstoß gegen den Tierschutz".

Das Vereinsleben bei den Hahneköppern hat deutlich mehr zu bieten, als "nur" den Wettkampf um die Königskrone: Vielseitige gemeinschaftliche Aktivitäten schweißen die Vereinsmitglieder zusammen und sorgen weiterhin für Nachwuchs. "Wir unternehmen zum Beispiel pro Jahr eine Bustour oder veranstalten ein Familienpicknick", erklärt Müller. Zudem hilft sein Verein beim Anbringen der Weihnachtsbeleuchtung in Gräfrath, beteiligt sich am Martinsumzug oder auch an der Gedenkfeier zum Volkstrauertag. Der Vereinsvorsitzende von "Haut ihn" gelangte indirekt über den Fußball zum "Hahneköppen": Beim BV Gräfrath hatte er lange die Schuhe geschnürt. "Als ich mit Mitte 30 aufhörte, wollte ich aber weiterhin am Vereinsleben teilnehmen", erzählt Müller. Aus dem gleichen Grund habe der Verein auch heute noch jugendlichen Zulauf. "Das Alter unserer Mitglieder reicht von Mitte 20 bis Mitte 80", freut er sich: "So etwas hat man sonst selten."

Quelle: RP
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