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Wermelskirchen
"Der Nächste bitte!" lässt Besucher lieben und leiden

Wermelskirchen. Da steht sie nun, die einsame, aber hoffnungsfrohe Anne und schmückt die Parkbank für ein Rendezvous. Sie ist verliebt vom großen Zeh bis zu den Ohren und schwärmt und hofft und bangt: Wird er, ihr Max, auch kommen? Und die Zuschauer im Theater im Film-Eck ahnen es bereits: Oh, oh, die arme Anne.

Die Schauspielerin Simone Silberzahn verkörpert Anne in einer hinreißenden Solointerpretation im Stück "Der Nächste bitte!". Anne durchlebt himmelhochjauchzende Euphorie und abgrundtiefe Betrübtheit - das volle Programm. Und eigentlich noch viel mehr. Schmerz kann es bedeuten, wenn es beim Zahnarzt heißt: "Der Nächste bitte!". Aber dieser Schmerz ist irgendwann zu Ende.

Schmerz liegt auch immer unterschwellig in der Luft, geht es in der Liebe nach gleichem Schema: Die nächste Liebe folgt, wenn der vorherige Traum geplatzt ist. Doch dieser Schmerz hält an. Aber wir träumen doch so gerne. Und so träumt auch Anne von der großen Liebe. Obwohl sie es besser wissen müsste: Anne ist ein Animiermädchen in einer Bar. Mit einer Mischung aus eigenen Texten sowie Gedichten und Liedern von Brecht über Heine bis Kreisler versteht es Silberzahn meisterhaft, die (unerfüllte) Liebe auszuloten. Schon allein, wie sie einen Liebesbrief vorliest, lässt einem wohlig-grausame Schauer über den Rücken rieseln. Das animiert nicht nur zu Spontanbeifall. Jetzt am liebsten nach Hause eilen, sich hinsetzen und einen glühenden Liebesbrief schreiben anstatt Smileys ohne Worte mit WhatsApp abzusetzen. Doch an wen? Die Zuschauer in den Bann schlagen, zu Hoffnung, Traum und Tränen rühren, Empathie erwecken mit der Figur auf der Bühne, mitleiden, mitfreuen, mitjubeln und die Erwartung sinken lassen - das ist die große Kunst der Schauspielerei. Silberzahn schafft das alles. Sie hat alleine durch ihr Spiel die Zuschauer voll im Griff.

Mann könnte sie im zweiten Teil des Programm an die Wand klatschen, wenn sie als coole Femme fatale mit Laptop und losen Lippen auf derselben Parkbank ihre Männerliste zusammenstreicht: "Alfred - immer Herpes, Dieter - künstliche Hüfte, Ernst - Masse an Schamhaaren in der Dusche." Sie hat ihre Ansprüche je nach Stimmung. Sie wartet auf Gregor, einen Mann ohne BBB - Bart, Bauch, Brille. Besingt aber auch den Neandertaler, "der mich an sich reißt". Sie führt die Männer an der Hundeleine. Mit der richtigen Antwort auf die Frage "War ich gut?" folgen sie ihr lammfromm. Am Ende will sie sagen: "Aus voller Leidenschaft gewirtschaftet." Doch auch sie erwischt es noch mit Bert Brecht: "Die Liebste gab mir einen Zweig Mit gelbem Laub daran. Das Jahr, es geht zu Ende. Die Liebe fängt erst an." Lena Jedig begleitete am Piano. Ihr zartes Tastendrücken und besonders ihr manchmal schmachtender Blick dabei passte wie ein gehauchter Musenkuss.

(bege)
 
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