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Wermelskirchen
Die Bühne wird zum Bahnhof

Wermelskirchen: Die Bühne wird zum Bahnhof
Simone Silberzahn trat wieder in Wermelskirchen auf. FOTO: Claus
Wermelskirchen. Rosas Reise führt schwer und ausladend bepackt quer durch das Publikum und macht Halt auf der Bühne des Film-Ecks. Die Bühne wird zum Bahnhof - schnuckelig, fast gemütlich, mit Tisch und Stühlen und einem Klavier. Dem Besucher schwant es schon: Das ist Endstation Bahnhof. Nur Rosa hat es noch nicht bemerkt. Von Bernd Geisler

Sie hat ein Loch im Schuh. Eine Katastrophe für den Beginn ihrer großen Reise. Sie setzt sich erst einmal und flickt das Loch mit Toilettenpapier. Das ist sehr lustig. Rosa scheint für alle Notfälle gerüstet -vom Regenschirm über den Schlafsack bis zu einem Ungetüm von Koffer. Nur in ihrem Kopf gähnt Leere. Sie weiß nicht, wohin. Zurück kann und will sie nicht: Dort warte eine alte Vitrine und der Tod, glaubt sie.

Und so öffnet sich allmählich das Theaterstück "Rosa geht weg" den Besuchern und zeigt die Misere einer einsamen Frau, die mit aller Gewalt ihrem Alleinsein entfliehen will. Rosa kann einem leidtun. Zugleich verleiten ihre verzweifelten und tollpatschigen Bemühungen, einem imaginären Ziel ein Stück näher zu kommen, zum Dauerschmunzeln: eine Komödie mit rabenschwarzem Tiefsinn. Rosa (Simone Silberzahn) bringt eine Slapstick-Nummer nach der anderen. Sie verteilt "Passfotos" unters Publikum, zwängt sich in hautenge Kleider, versucht angestrengt, ein Strumpfband um den Oberschenkel zu winden für einen vielleicht auftauchenden Märchenprinzen, topft ihren Begleiter, einen kleinen Kaktus, um und besteigt in einer artistischen Glanznummer einen "Berg" aus verhülltem Tisch und Stuhl.

Der Bahnhof wird zur Trauminsel Niemandsland, die ihre Erwartungen erfüllt: Die Zeit genießen, sich entspannen, nicht enttäuscht sein. Keine Durchsagen, keine Geräusche von an- und abfahrenden Zügen, keine weiteren Reisenden - nichts. Eine surreale Endstation Sehnsucht.

Das, was passiert, passiert in Rosas Kopf. Ihr zur Seite steht eine merkwürdige Bahnhofspianistin, die "nur für sie da ist". Mit ihrer Hilfe lebt Rosa ihre kindlichen Phantasien aus. Traurig schön etwa klingt das Lied "Wenn ich mal tot bin" und zerreißt einem fast das Herz. Ludwig Hirschs "Grosser Schwarzer Vogel" fliegt dabei durch den Saal. Rosa spielt Indianer und erzählt die Geschichte vom kleinen Koffer in der Nacht. Und so vergisst sie alles um sich herum: Jetzt lebt sie wieder.

Diese Geschichte und ihre Umsetzung von Bubalo, Cramer, Silberzehn (Programmheft) bringt Simone Silberzahl hervorragend auf die Bühne. Sie spielt die doch recht durchgeknallte Rosa mit allen Übertreibungen mitfühlend authentisch. Ursula Wawroschek am Klavier klingt ein wenig hölzern, vielleicht um kindgerecht zu klingen. Welche Schlüsse aus diesem Stück zur eigenen Lebensbewältigung jemand zieht, ist seine eigene Sache. Das Stück bietet Tür und Tor dafür.

Quelle: RP
 
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