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Wermelskirchen
"Die Zeit in Afrika hat mich verändert"

Wermelskirchen. Julia Demessieur hat ein Praktikum im südafrikanischen Worcester gemacht, wertvolle Erfahrungen gesammelt und gleichzeitig Britta Wagner besucht. Im Sommer macht sie sich erneut auf den Weg. Von Theresa Demski

Sie wollte weg. Bachelorarbeit, Alltagsstress und Erwartungen hatten Julia Demessieur über Monate kaum Raum zum Luftholen gelassen. "Ich wollte weit weg", sagt die 23-Jährige. Als sie schließlich im Flugzeug Richtung Südafrika saß, atmete die junge Lehramtsstudentin tief durch, zum ersten Mal seit Monaten. "Alles fiel von mir ab, und ich habe mich einfach nur gefreut", sagt sie, "auch wenn ich überhaupt nicht wusste, was mich erwartete."

Inmitten des Unistresses hatte sie sich an ihre Jugend am Braunsberg und an Jugendarbeiterin Britta Wagner erinnert. Und dann hatte die junge Frau eine Mail nach Südafrika geschickt, weil sie wusste, dass Britta Wagner längst nicht mehr beim Wermelskirchener Jugendamt arbeitet, sondern seit 2009 für eine Initiative in Worcester, am Westkap.

Britta Wagner hatte sie mit offenen Armen empfangen, ihr ein Praktikum angeboten. Julia Demessieur hatte zugegriffen. Und so landete sie schließlich im Flugzeug. "Ich hatte manchmal darüber nachgedacht, wie ich auf keinen Fall wirken wollte", erinnert sie sich. Alle Zeichen des westlichen Wohlstands ließ sie Zuhause. Jeans und T-Shirts landeten schließlich in ihrem Koffer und dicke Jacken. Denn Britta Wagner hatte schon angekündigt, dass es richtig kalt werden könnte.

Aber was auf sie zukommen würde, das ahnte sie nicht. Die erste Woche verbrachte sie mit Britta Wagner, schnupperte südafrikanische Luft, lernte die Menschen im Team des "Kibbutz El Shammah" kennen, die Kinderbetreuung der christlichen Initiative, die Projekte für Menschen, die gestrandet sind. "Ich dachte, ich helfe vielleicht ein bisschen im Kindergarten", sagt Julia Demessieur. Aber es kam anders: Denn erst als sie am Esstisch in einer Wohngemeinschaft saß, in der Männer den Ausstieg aus der Kriminalität, dem Gang-Alltag und Gewalt finden können, ahnte sie, dass sie angekommen war. Also blieb Julia Demessieur. Einmal in der Woche half sie im Kindergarten, ein weiteres Mal bei der Übermittagsbetreuung.

Aber die meiste Zeit des Tages, ihrer Monate in Südafrika, verbrachte sie in der Wohngemeinschaft der Initiative. "Die Menschen haben nichts und geben einem viel. Hier haben die Menschen viel und geben wenig", sagt sie, "das hat mich verändert." Lebensfreude und Gastfreundschaft seien ihr begegnet. Sie arbeitete mit den Männern in der T-Shirt-Druckerei, half bei technischen Fragen und packte mit an, wo ihre Hilfe gebraucht wurde. "Das wichtigste sind mir unsere Gespräche", sagt sie heute, "ich habe noch nie so eine Offenheit erlebt." Die Männer erzählten aus ihrem Leben, von ihren Familien, von getöteten Gangmitgliedern, von Gewalt, dem Leben in Slums und der Perspektivlosigkeit. Irgendwann fragten sie die junge Frau aus Deutschland, ob sie nicht auch sehen wolle, anstatt nur zu hören. Und Julia Demessieur zögerte nicht. "Sie nahmen mich mit in die Townships", sagt sie, "das war der eindrücklichste Moment der ganzen Reise."

Die junge, blonde, weiße Frau, die inzwischen Rasterlocken hatte, sah, wovon sie bisher nur gehört hatte. Prostitution, Drogenhandel, Kinder, die mit Hunden in Abwassergräben spielen. "Ich wusste, dass ich nur sicher war, weil meine Mitbewohner auf mich aufpassten", sagt sie. Aber Angst habe sie nicht gehabt, sondern Vertrauen. "Ich hatte nie einen großen Bruder", erzählt Julia Demessieur, "und plötzlich hatte ich zehn." Sie bewahrten ihr einen Teller Mittagessen auf, wenn sie nicht im Haus war. Sie fragten sie über ihr Frauenbild aus und saugten die Antworten auf. Und sie kamen über Gott und den Glauben ins Gespräch. "Als die Männer ins Projekt kamen, wollten sie von Gott nichts wissen, aber der Glaube wurde ihnen wichtig", erzählt die Wermelskirchenerin, "und ähnlich ging es mir auch." Getauft und konfirmiert, hatte sie sich zwar entschieden, Religion auf Lehramt zu studieren. Aber verstanden habe sie das alles eigentlich nie. "Aber dort in der Wohngemeinschaft habe ich meine Basis gefunden", sagt sie. Seitdem gehört der Glaube dazu.

"Afrika hat mich verändert", sagt die Studentin heute. Denn als Julia Demessieur sich schließlich verabschiedete, war sie nicht mehr dieselbe. "Ich habe viel geweint beim Abschied", sagt sie, "und es war gar nicht so einfach, mich in Deutschland wieder einzufinden." Ihre Werte und Fragen hätten sich verändert, auch ihre Zukunftsplanung. Sie wisse jetzt, dass sie etwas bewegen könne, ohne sich verbiegen zu müssen. "Ich will, dass die Dinge, die ich tue, Sinn ergeben", sagt sie. Und deswegen hat sie die Familienplanung noch ein bisschen aufgeschoben. Sie will weiterhin Sonderschullehrerin werden, aber immer wieder zurückkehren nach Afrika - um selbst Kraft zu schöpfen, aber vor allem, um Kraft weiterzugeben.

Quelle: RP
 
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