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Wermelskirchen
Erinnerungen sind weiterhin präsent

Wermelskirchen. Zum "Tag der Heimat" trafen sich Vertriebene aus verschiedenen Ost-Gebieten im Bürgerzentrum. Heinz Paul und Walter Krautwurst berichteten von ihrer Flucht, die, laut Walter Krautwurst "bis heute nicht zu überwinden ist". Von Stephan Singer

Wie sehr Vertreibung und Flucht ein ganzes Leben prägen können, wurde bei den Erzählungen zweier Zeitzeugen beim "Tag der Heimat" der Landsmannschaften Ost- und Westpreußen, Schlesien sowie Pommern im kleinen Saal des Bürgerzentrums deutlich. Unter dem Leitwort "Identität schützen - Menschenrechte achten" trafen sich rund 130 Gäste zum Kaffeetrinken und gemeinsamen Singen von Heimatliedern. Gestern legten Vertreter vom Stadtverband Wermelskirchen im Bund der Vertriebenen am Mahnmal des deutschen Ostens an der Dhünner Straße zum Gedenken an die Toten einen Kranz nieder.

Im Bürgerzentrum sprachen Heinz Paul aus Bergisch Gladbach, früher Groß Monau im Kreis Breslau, und Walter Krautwurst aus Leichlingen, früher Leisnitz im Kreis Leobschütz, am Rednerpult über ihre Erinnerungen an die Monate nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei behielten die Redner nicht immer den "roten Faden", sondern berichteten manchmal auch von Details ihrer Erlebnisse - dadurch wurde für alle Zuhörer unverkennbar und spürbar, wie sehr auch nach sieben Jahrzehnten dieses Thema aufwühlt und erregt.

"Geflüchtet sind wir vor den Russen, vertrieben wurden wir von den Polen. Das ist nicht gleichzeitig geschehen, sondern da lag ein Jahr dazwischen", berichtete der 1933 geborene Walter Krautwurst, der sich lebhaft an die unsteten Monate nach dem Krieg erinnert. Von ursprünglich 1850 Menschen seien nach der Flucht vor den Russen am Ende des Zweiten Weltkriegs 750 wieder in das Heimatdorf zurückgekehrt. Und von diesen seien dann 720 durch die Polen wieder vertrieben worden. "Als die Polen in unser Dorf Einzug hielten, konnten wir das nicht verstehen. Offenkundig waren aber im Vorfeld gewisse Dinge schon ausgekundschaftet worden. Wir ahnten, dass das das Ende unseres Daseins in Leisnitz sein würde", beschrieb Krautwurst.

Die Zugfahrt der Familie Krautwurst und der anderen Vertriebenen endete schließlich in einem Auffanglager in Marienthal und dann später im oberbergischen Wipperfürth: "Als unsere Eltern feststellten, dass wir in Richtung Westen fuhren, war die Erlösung groß." Und abschließend betonte Walter Krautwurst: "Vertreibung ist etwas Unheimliches, etwas Unmögliches. Die Endgültigkeit war eine dermaßen deprimierende Sache, die bis heute nicht zu überwinden ist."

Gerade erst wieder in Schlesien zu Besuch war Heinz Paul. Auch er erinnerte sich daran, dass man nach der Vertreibung aus der Heimat froh gewesen sein, im Westen "gelandet" zu sein. Dabei sei die unfreiwillige Reise aber keinerlei Vergnügen gewesen: "Wir hatten auf dieser Fahrt im tiefsten Winter geschätzt etwa 129 Tote. Nur wenige Leute konnten am Ende auf eigenen Beinen stehen oder die Waggons der Züge aus eigener Kraft verlassen."

Kaffee und Kuchen und das gemeinsame Singen von Heimatliedern wie "Wenn in stiller Stunde" oder "Tief im Böhmerwald", wobei Herbert Kaluscha am Klavier und Joachim Muschik an der Gitarre die musikalische Begleitung übernahmen, sorgten für eine heitere Stimmung.

Der Ehrenbürger und ehemalige Bürgermeister Heinz Voetmann richtete motivierende und aufmunternde Worte an die Anwesenden: "Schön, dass Sie ihre Verbundenheit zur alten Heimat bewahren. Das ist ein Kulturgut, das für ein Stück Lebensqualität für Sie und unsere Stadt sorgt."

Quelle: RP
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