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Doppel-Interview Anne Und Matthias Ueberholz
Familienleben findet auch mal in der Halle statt

Doppel-Interview Anne Und Matthias Ueberholz: Familienleben findet auch mal in der Halle statt
FOTO: Moll Jürgen
Wermelskirchen. Das Ehepaar Ueberholz über Ehrenamt, Freizeit und die Einstellung vieler Mitglieder zum Verein. Es gibt aber auch Grenzen.

Sitzen Sie am heutigen Samstagmittag ruhig im Sessel? Oder sitzen Sie auf heißen Kohlen?

Matthias ueberholz Nein. Alles läuft normal. Es ist kein Stress.

Was haben Sie heute noch vor?

Matthias ueberholz Wir müssen uns um den Seniorenhandball im HCW kümmern. Heute ist kein Jugendeinsatz. Meine Frau macht das Catering, ich sitze bei einer Mannschaft am Kampfrichtertisch.

Warum heute beide?

Matthias ueberholz Weil wir unsere gemeinsame Zeit versuchen zu verbringen. ANNE UEBERHOLZ (schmunzelt)

Haben Sie kein Familienleben am Wochenende oder ist der Verein ihre Familie?

Anne ueberholz (energisch) Nee, wir haben schon ein Familienleben außerhalb des Sports. Aber es richtet sich schon ein wenig nach dem Sport. Die Kinder haben ja auch im Handball gespielt. Justus spielt noch, da fahren wir am Sonntag hin. Wir stricken das Familienleben drumherum. Es ist ja nicht jedes Wochenende so. MATTHIAS UEBERHOLZEs gibt auch eine Handballlose Zeit von Mitte/Ende Mai bis Anfang September. Da haben wir relativ viel Handballloses zu tun.

Dann fallen Sie aber nicht in ein Loch?

Matthias ueberholz Nee, aber dann kommt so ab der großen Kirmes dieses Kribbeln, dass man sagt: Es fehlt einem doch was. ANNE UEBERHOLZ Aber du weißt Dich zu beschäftigen. MATTHIAS UEBERHOLZ (lacht) Ich muss nicht anfangen, Briefmarken zu sammeln.

Was bedeutet für Sie der Sportverein?

Matthias ueberholz Der Verein hat eine hohe soziale Funktion. Sportvereine sind generell sehr wichtig. Sie haben eine große Daseinsberechtigung. Und für mich persönlich heißt das: Der Verein hat mir für lange Zeit etwas gegeben, wovon ich partizipieren konnte. Ich habe in der Gruppe mit meinen Freunden im Handball viel Spaß gehabt. Viel nette Zeit verbracht. Und als ich gefragt wurde, ob ich nicht mal eine Funktion übernehmen wollte, habe ich gesagt: Jetzt muss ich dem Verein etwas zurückgeben. Ich muss allerdings ehrlich gestehen: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass dies so lange ist. Ich dachte eher als vier, fünf Jahre. Jetzt sind es 13. ANNE UEBERHOLZIch bin da ich bin da über die Übungsleiter-Aushilfe reingerutscht, und das Handball-Catering, auch da wollte ich nur aushelfen. Das mache ich jetzt 20 Jahre. Und irgendwie kommt man aus der Nummer schlecht raus. Meine Vorstandsarbeit habe ich Klaus Junge und Armin Kalthoff zuliebe gemacht. Es musste was passieren, und ich wollte mich nicht drücken. Ich habe schon eine enge Beziehung zum Verein entwickelt.

Dreht sich denn in der Familie Ueberholz alles um den Verein?

Matthias ueberholz Nein.

Gibt es Zeit für Hobbies?

Matthias ueberholz Ja, aber der Handball hat relativ viel Freizeit geschluckt. Ich war mal aktiver Jäger. Das ist eingeschlafen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit Weinen - und damit verbinde wir auch Reisen in Weinregionen. Ich bin immerhin 13 bis 14 Stunden täglich beruflich unterwegs. ANNE UEBERHOLZ Ich habe einen ganz anderen Bekanntenkreis, der nichts mit Handball oder Verein zu tun hat. Ich gehe mit Freundinnen regelmäßig laufen und schwimmen. Das ist Zeit für mich, die mir wichtig ist. Ich koche gern, probiere viel aus, und bekoche am Wochenende auch gern Gäste und die Jungs. Das entspannt schon.

Wie sehen Sie die Zukunft der Sportvereine in Wermelskirchen ?

Matthias ueberholz Man muss sich Gedanken machen, wie es mit den großen Vereinen weitergehen soll. Es scheitert schon allein daran, dass immer weniger Leute bereit sind, Ehrenämter zu bekleiden. Bei Nullneun hat es lange gedauert, einen Vorsitzenden zu finden. Wir kleben nicht an unseren Ämtern. Ich schaue immer mal wieder, ob nicht jemand meine Funktion beerben könnte. Das ist alles sehr schwierig. Vom Grundsatz her werden die Vereine heute von den Sportbegeisterten ganz anders gesehen. Wir sind ja eine aussterbene Rasse, eben solche Leute, die noch für 25-jährige Mitgliedschaft geehrt werden. Sobald sie nicht mehr aktiv das Sportangebot nutzen - zack, kommt die Kündigung und wenden sich anderen Bereichen zu. Die Folge: Wir haben einen erheblichen Mitgliederschwund.

Was heißt das?

Matthias ueberholz Mitglieder erzeugen Beiträge, die die Vereine brauchen. Um das Vereinsgeschehen am Laufen zu halten, Jetzt haben wir Hallengebühren, die Verbände erhöhen ihre Beiträge, damit wird der Puffer immer kleiner. Das ist problematisch. Beim Handball wird das Sponsoring immer schwieriger. Der Kuchen wird nicht größer, aber immer mehr wollen davon partizipieren. Auf lange Sicht verträgt Wermelskirchen nur einen einzigen Handballverein. ANNE UEBERHOLZ Der WTV ist stabil in Mitgliederzahlen. Aber die Mitgliedsdauer wird immer kürzer. Es kommen viele neue, aber es gehen auch einige. Aber dass die Mitglieder aus Tradition bleiben, das ist vorbei. Am Ende wird ein Großverein übrig bleiben.

Wo hat das Ehrenamt eigentlich seine Grenze?

Matthias ueberholz Wenn es in persönliche Anfeindungen übergeht. Die gibt es immer wieder. Dann frage ich mich, warum tue ich mir das an? Keiner ist bereit, ein Ehrenamt zu übernehmen. Wir sind längst ein Servicebetrieb für andere geworden. Wir Ehrenamtler werden da als Dienstleister gesehen. ANNE UEBERHOLZ Wenn sich manche manchmal im Ton vergreifen, oder wie die Erwartungshaltung ist. Wir bemühen uns von vorn bis hinten. Aber manchmal geht es nicht so, wie es die Mitglieder nach ihren Interessen gern haben wollen.

Aber es macht noch Spaß?

Anne ueberholz Es wiegt auf, wenn so Kleine Dich dann anstrahlen, Danke sagen. Das macht Freude, mit Kindern zu arbeiten. Oder wenn die Kids im Handball-Camp kommen und sagen, es hat gut geschmeckt oder es hat Spaß gemacht. Es kommt viel von Kindern wieder, aber auch von Erwachsenen. Man wird nicht nur angemeckert.

Wie übezeugen Sie Vereinsmitglieder mitzuarbeiten?

Matthias ueberholz Das ist ja das Problem. Wir sind nicht in der Lage zu überzeugen. Wir versuchen es, indem wir es vorleben und zeigen: Es macht Spaß. Es ist einfacher, einen Trainer zu besorgen, als jemand für eine Abteilungsaufgabe. Sie wissen: Wenn ich einmal Ja sagen, bin ich langfristig gebunden. Die Leute wollen sich so etwas nicht mehr ans Bein binden.

Wo sehen Sie den Verein in 10, 15 Jahren?

ANNE Ueberholz Zurzeit geht es uns gut. Aber uns fehlen in der Mitgliederstruktur die 20- bis 40-Jährigen. Wir haben da kein attraktives Angebot. Es ist eine Kombination aus Abwesenheit wie Studium/Beruf und die Fitness-Studiobesucher. Dann machen wir Angebote wie Basketball. Jetzt ist wieder so eine Nachfrage. Aber dann braucht man Trainer und Hallenzeiten. Und die sind rar. Es ist schwierig, was Attraktives zu finden anzubieten.

Was wünschen Sie sich?

Anne ueberholz Im März einen neuen Vorsitzenden für den WTV. Der Deal war: Ich wollte es nur ein Jahr kommissarisch machen. MATTHIAS UEBERHOLZ Dass die Welt nicht weiter aus den Fugen gerät.

UDO TEIFEL FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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