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Wermelskirchen
Faszinierendes Projekt mit zehn Musikern

Wermelskirchen: Faszinierendes Projekt mit zehn Musikern
Zehn Musiker spielten beim Konzert im Pädagogischen Zentrum des Gymnasiums an der Stockhauser Straße gemeinsam auf der Bühne. FOTO: Jürgen Moll
Wermelskirchen. Die Musikschule Wermelskirchen betrat mit "The Ortiz-Project" absolutes Neuland: In dem Konzert trafen zwei musikalische Welten - Jazz und Renaissancemusik - aufeinander. Die Musiker ernteten stehende Ovationen. Von Bernd Geisler

Jazz trifft auf Renaissancemusik. Die Aussicht, beides zeitgleich zu hören, erweckt beim unbedarften, gleichwohl interessierten Laien zwielichtige Erwartungen: linkes Ohr Saxofon-Gedudel, rechtes Ohr Lautengeklimper? Das klingt zwar faszinierend, aber mit gemischten Gefühlen. Und so ist dann auch alles im Menschen gespannt wie stimmige Saiten, als "The Ortiz-Project" am Sonntagnachmittag im PZ des Gymnasiums loslegt: Zehn Musiker auf der Bühne mit den typischen Instrumenten beider Musikrichtungen legen los.

Was dann passiert, ist schier unglaublich: Die ersten Töne, sanft und sacht, fast flüsternd mit führendem Saxofon (Angelika Niescier) und synchronem Sopran (Veronika Madler) erreichen den Zuhörer unterschwellig überirdisch, öffnen Ohren und Brustkorb, gleiten achtsam durch den Körper und streicheln schließlich das Herz. Es ergibt sich zögernd, weitet sich und dann entfalten sich die Töne mittendrin wie Blütenkirschblätter.

Diese Musik wirkt. Und zwar auf alle Sinne. Und nach der anfänglichen äußerst angenehmen Überraschung des bisher noch nie Gehörten bereitet es immer mehr Freude, den einzelnen Darbietungen ("Recercare") zuzuhören: gleichermaßen ein Fest für Gehirn und Gefühl. Die Vorstellung, dass hier in Wermelskirchen Musik geboten wird, die den Menschen vor mehr als 450 Jahren versagt war (Jazz existierte nicht) und die wir auch noch nie zu hören bekamen, gipfelt in einen erhebenden Moment. Ein Hoch auf die beiden Bearbeiter Angelika Niescier (Jazz) und Alfred Karnowka (Renaissance). Er hatte die begnadete Idee: Die Arbeit "Trattado de Glosas" des spanischen Komponisten Diego Ortiz aus 1553 wiederzuentdecken, die darin beschriebene Musik mit seltenen, nachgebauten Instrumenten zu spielen und mit jazzigen Bearbeitungen zu kombinieren.

Ortiz schien seiner Zeit musikalisch weit voraus zu sein. Ob er sich dessen wirklich bewusst war - wer weiß? Jedenfalls - so erzählte Karnowka - schrieb er: "Von hier bis zum Schluss kommen einige falsche Töne. Wenn sie allerdings gut gespielt werden, klingen sie nicht schlecht." Sie habe versucht, für ihre Jazz-Arrangements das Charakteristische der Ortizschen Musik herauszuhören, sagte Niescier. Darauf habe sie ihre Arrangements aufgebaut. Und natürlich auch Platz für Improvisationen zugelassen. Das war an einigen Stellen deutlich zu hören: Sanfte Entschiedenheit ihres Saxofons führte mitunter zu ekstatischen (Bebop-)Linien. Grandios. Das Besondere des Jazz hierbei: Die Lautstärke passte sich dem Filigranen der Renaissance an.

Dem Schlagzeuger Christoph Hillmann etwa zuzuhören, wie er mit Vehemenz subtil und leise spielte, war ein Genuss. Überhaupt: Kreativität, Spielfreude und Professionalität aller beteiligten Akteure bewiesen, dass sie genau die richtige Besetzung in diesem Projekt innehatten. Sowohl die Intimität des Sounds als auch Transparenz und Hingabe des Spiels bestachen. Dass zum Schluss teilweise mit stehenden Ovationen das Publikum noch zwei Zugaben forderte, zeigte, dass dieses außergewöhnliche Projekt bei allen sehr gut angekommen war.

Quelle: RP
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