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Wermelskirchen
Gefiederte Therapeuten im Altenheim

Wermelskirchen: Gefiederte Therapeuten im Altenheim
Die Wermelskirchenerin Bianca Schmincke hat sich zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen mit Haus- und Nutztieren ausbilden lassen. FOTO: Schmincke
Wermelskirchen. Bianca Schmincke (37) wird bei ihrer Arbeit in der Ergotherapie regelmäßig von ihren Hühnern unterstützt. Die tierischen Helfer üben ihre Faszination auf Senioren aus, wirken beruhigend und geben ein Stück Selbstständigkeit zurück. Ein Besuch. Von Anna Mazzalupi

Ernie fiept ganz emsig. Selbst beim Essen einer Apfelhälfte aus Bianca Schminckes Hand. Fieps. Pick. Fieps. Pick. So geht es munter weiter. Herr Bert läuft währenddessen auf der Terrasse und steckt seinen Schnabel überall hin, wo es seine Neugierde notwendig macht. Ernie und Herr Bert sind fast noch frisch geschlüpfte Küken. Und trotz ihrer umtriebigen Art wirken die beiden vier Wochen alten Bergischen Schlotterkämme total beruhigend.

Diese Eigenschaft von Hahn und Henne weiß Bianca Schmincke besonders zu schätzen. Die 37-jährige Ergotherapeutin kennt den Charme der Federtiere und ihre Wirkung auf den Menschen ganz genau. Im Seniorenpark "carpe diem" in Darbringhausen, in dem sie als Leiterin der Ergotherapie und Betreuung arbeitet, sowie bei Hausbesuchen für eine Praxis wendet die Wermelskirchenerin die tiergestützte Therapie an. Der Vorteil: Die überwiegend dementen Patienten können mit den Hühnern und anderen Tieren nonverbal kommunizieren.

Einsatz im Seniorenpark: Henne Lakritzchen und Fritz Krämer (91), Bewohner des Seniorenparks "carpe diem" in Dabringhausen. FOTO: Schmincke

"Ich habe damals einfach einen Korb mit Küken mit zur Arbeit genommen. Und die Bewohner haben dermaßen intensiv auf die Küken reagiert - da waren Neugierde, ein Lachen und ein Herzöffnen dabei, dass ich nur gestaunt habe", erinnert sich die Hobbyzüchterin, die auch Mitglied im Rassegeflügelzuchtverein Wermelskirchen ist, an die Anfangszeit vor vier Jahren zurück.

Die Erlebnisse waren so prägend, dass sich Schmincke zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen mit Haus- und Nutztieren ausbilden ließ. Dabei hat sie gelernt, wie sie einen artgerechten Begegnungsraum für Mensch und Tier schaffen kann. Der Spaß und der Respekt stehen dabei für beide Seiten im Vordergrund. Bis zu zwei Stunden am Tag trainiert sie mit den Tieren. Dazu zählen neben den zwölf verschiedenen Rassehühnern auch Hund Charly sowie Kater Kimba. In Sellscheid geht sie mit ihnen spazieren, übt Kommandos oder Lockgeräusche, damit die Stunden bei den Patienten sowohl für Tier als auch Mensch ohne Stress ablaufen. "Hühner sind hochreaktiv. Im Umgang mit ihnen muss man achtsam und umsichtig sein", merkt die Expertin an. Das trainiert ihre Patienten zusätzlich.

FOTO: Schmincke

Die Arbeit mit den Tieren bringt noch weitere Vorteile. Durch sie haben die älteren Menschen, die oft ein Stück ihrer Selbstständigkeit abgeben mussten, wieder eine Aufgabe und übernehmen Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Das macht stolz und gibt wieder Selbstbewusstsein, indem zum Beispiel das Obst geschnitten oder die Körner für die anschießende Fütterung des tierischen Besuchs sortiert werden.

Der Kontakt zu den gefiederten Therapeuten trägt darüber hinaus zum allgemeinen Wohlbefinden bei und kann auf emotionaler Ebene berühren. Er trainiert aber auch Fertigkeiten. "Für mich würden die Patienten zum Beispiel nicht aufrecht gehen. Wenn aber das Küken auf der Schulter sitz, wird das natürlich gemacht", erklärt Schmincke mit einem Lachen. Außerdem sind gerade die Küken Gesprächsthema im Altenheim und stärken so nebenbei den sozialen Kontakt der Bewohner untereinander.

Dort, wo sich das Huhn wohlfühlt und keine Gefahr droht, lässt es sich nieder, putzt sein Gefieder oder schläft ein. So wie Henne Lakritzchen, als sie sich auf den Schoß von Fritz Krämer setzt. Der 91-Jährige kann sein Glück kaum fassen und freut sich riesig darüber. Für den Senior und auch Bianca Schmincke ist es ein tolles Erlebnis.

Hühner können übrigens auch richtige Kuschler sein. Manche Patienten beobachten allerdings nur, was Küken und Co. machen. Die Annäherungen zwischen Mensch und Tier findet immer auf Augenhöhe statt. "Das ist so spannend. Das ist einfach mein Ding", betont die Wermelskirchenerin.

Gestärkt durch ihre Erfahrungen ist sie von dem Konzept überzeugt. Deshalb könne sie sich vorstellen, den tiergestützten Einsatz in Zukunft auch auf andere Bereiche wie Hospiz oder Soziales Lernen mit Tieren auszuweiten. Erste Erfahrungen bei der Sterbebegleitung hat Bianca Schmincke unter anderem schon mit Kater Kimba gesammelt. "Ich bin gespannt, wohin mich mein Weg führen wird", sagt die 37-Jährige.

Quelle: RP
 
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