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Angelika Gutberlet
"Gewalt ist ein Zeichen von Hilflosigkeit"

Angelika Gutberlet: "Gewalt ist ein Zeichen von Hilflosigkeit"
Angelika Gutberlet leitet die Kita an der Jahnstraße. FOTO: Dörner (Archiv)
Wermelskirchen. Am Tag der gewaltfreien Erziehung spricht Angelika Gutberlet, Leiterin der Kita Jahnstraße, über Konflikte in Familien.

Dass Kinder gewaltfrei erzogen werden, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, oder?

Angelika gutberlet Nein. Dieses Denken, dass ein "Klaps" noch nie geschadet hat, gibt es noch. Dass der sehr wohl schadet, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. Ich habe schon Eltern erlebt, die offen zugeben, dass ihnen schon mal die Hand ausgerutscht ist.

Warum schlagen Eltern zu?

Gutberlet Gewalt in der Erziehung ist ein Zeichen von Hilflosigkeit. Kinder müssen funktionieren und sich der Gesellschaft anpassen. Eltern fühlen sich in die Ecke gedrängt und werden stark belastet. Viele sind auch alleinerziehend - es kommt vieles zusammen. Eltern, die Gewalt anwenden, denken: Vielleicht bekomme ich mein Kind damit klein. Meistens wird aber das genaue Gegenteil erreicht. Das Kind wird gedemütigt, aber es wird sein Verhalten nicht ändern. Wir dürfen aber nicht nur über körperliche Gewalt sprechen. Viel weiter verbreitet ist die emotionale Gewalt.

Was ist damit gemeint?

Gutberlet Wenn Eltern tagelang nicht mir ihrem Kind sprechen oder ihrem Kind sagen, dass sie es nicht mehr lieb haben, ist das fürs Kind ganz schrecklich und genauso schlimm wie körperliche Gewalt. Weit verbreitet ist auch der Spruch: "Wenn du nicht lieb bist, lass' ich dich hier." Man kann sich gar nicht vorstellen, was das in einem Köpfchen bewegt, wenn Mama oder Papa sagen, dass sie einen verlassen.

Worauf kommt es in der Erziehung an?

Gutbelert Eltern müssen ihre Kinder anleitend erziehen. Wichtig ist, mit den Kindern zu reden. Es macht auch Sinn, über das Verhalten der Kinder nachzudenken. Eltern sollten sich fragen: Warum macht es dies oder das? Kinder wollen Aufmerksamkeit erregen.

Welche Fehler lassen sich leicht vermeiden?

Gutberlert Streit resultiert oft aus Kleinigkeiten: zum Beispiel wenn es um die Hausaufgaben geht oder wenn das Zimmer aufgeräumt werden soll. Eltern und Kinder sollten sich gemeinsam Konsequenzen überlegen, wenn Regeln nicht eingehalten werden. Dann werden diese Regeln vom Kind auch eher akzeptiert. Manche Eltern denken, dass sie mit ihren Kindern nichts ausdiskutieren können. Kinder werden unterschätzt. Wir müssen viel mehr miteinander sprechen. Das gilt auch für die Eltern untereinander.

Sprechen Eltern nicht miteinander?

Gutberlet Eltern sind sich in der Erziehung oft nicht einig. Viele machen sich vor oder während der Schwangerschaft nicht genug Gedanken darüber, wie sie die Erziehung gestalten wollen. Väter und Mütter haben unterschiedliche Vorstellungen, wie sie ihr Kind erziehen wollen. Ein Elternteil findet, dass Zimmer ist aufgeräumt, auch wenn noch drei Bauklötze herumliegen. Der Partner sieht das aber ganz anders. Kinder suchen sich dann eben den Weg, der ihnen passt. Was es beim Papa nicht gab, gibt es bei der Mama. Das ist logisch. Kinder sind pfiffig. Darum sollten Eltern eine gemeinsame Linie festlegen.

Welche Werte sollten Eltern vermitteln?

Gutberlert Was ihnen wichtig ist, müssen sie selbst entscheiden. Ganz konkret können sie sich etwa Gedanken darüber machen, ob ihnen Pünktlichkeit besonders wichtig ist. Oder Ordnung. Und dann können Eltern entsprechende Akzente setzen. Jeder möchte ein wohlerzogenes Kind, was wohlerzogen für sie überhaupt bedeutet, darüber machen sich die wenigsten Gedanken.

Sind Helikoptereltern, die ihre Kinder überall und jederzeit im Blick behalten wollen, also die besseren Eltern?

Gutberlet Wenn man ständig über ein Kind diskutiert und es ständig überwacht, ist das auch nicht richtig. Kinder, die sich nicht verkrümeln und ausprobieren dürfen, können sich nicht entwickeln. Ich kann diese Eltern verstehen. Die Sorge ums Kind ist immer da. Aber man muss seinem Kind auch etwas zutrauen. Das ist das Schöne am Kindergarten: Da sind Mama und Papa mal nicht dabei.

KLAS LIBUDA FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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