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Wermelskirchen
Glückliches Wiedersehen nach 71 Jahren

Wermelskirchen: Glückliches Wiedersehen nach 71 Jahren
Heinz Grasse (2.v.l.) hatte seine Cousine Thea Irick (l.) seit 71 Jahren nicht mehr gesehen - Sohnemann Frank Grasse organisierte jetzt einen Überraschungsbesuch auf Schloss Burg. Heinz Grasses Lebensgefährtin Ursula vom Stein war in die Pläne eingeweiht - lediglich der 84-jährige Wermelskirchener wusste von nichts. FOTO: Weitzdörfer
Wermelskirchen. Heinz Grasse verlor 1946 seine Cousine Thea aus den Augen. Beide Familien mussten nach dem Krieg aus der Niederlausitz fliegen. Jetzt erhielt der 84-jährige Wermelskirchener Überraschungsbesuch aus den USA. Von Wolfgang Weitzdörfer

Nachdem die Überraschung im Café Voigt im Innenraum von Schloss Burg für Heinz Grasse geglückt ist, wird erst einmal eine ordentliche Bergische Kaffeetafel aufgefahren. Und die ist auch nötig, um das gerade Erlebte einigermaßen zu verdauen. "Ich war so überrascht - und ich habe mich unglaublich gefreut", sagt der 84-jährige Wermelskirchener mit wachem Blick, in dem diese Freude deutlich zu sehen ist. Dann ergänzt er noch mit schelmischem Lächeln: "Mir fehlten gerade die Worte. Und das will bei mir schon etwas heißen."

Dann setzt sich die Gruppe an einen großen Tisch und lässt es sich schmecken; fröhliche Unterhaltungen sind im Gange - so, als würde man sich seit Jahrzehnten kennen. Dabei hatten sich Teile dieser Gruppe entweder noch nie zuvor gesehen - oder seit 71 Jahren nicht mehr. Diese lange Zeit ist nämlich vergangen, seit Heinz Grasse und seine Cousine Thea Irick sich letztmals Auge in Auge gegenüberstanden.

"Unsere Familien lebten in Westpolen, in der Stadt Sorau. Ich bin dort auch 1933 geboren worden", erzählt Heinz Grasse. Nach dem verlorenen Weltkrieg mussten die meisten deutschstämmigen Familien fliehen, so auch Grasse mit seiner Mutter sowie seine Cousine Thea mit ihren Eltern. Den einen verschlug es nach Wermelskirchen, die andere mit den Eltern in die USA, nach Wichita in Kansas. "Wir haben uns 1946 in Teupitz im Spreewald zum letzten Mal gesehen", sagt Heinz Grasse ernst. Damals war Thea acht Jahre alt, Heinz immerhin schon 13. Die jeweiligen Leben haben fortan ihren Lauf genommen. Beide heirateten, bekamen Kinder, lebten ihre Leben.

Vor etwa 20 Jahren kommt wieder ein erster postalischer Kontakt zwischen Cousin und Cousine zustande: "Wir haben uns zu Weihnachten Briefe geschrieben. Auf Englisch, da Thea natürlich über die Jahre hinweg Deutsch verlernt hatte", erzählt Heinz Grasse. Mittlerweile spricht sie ihre Muttersprache wieder recht gut. Heinz Grasses Sohn Frank hat nicht nur die Briefe ins Englische sowie die Antworten ins Deutsche übersetzt, sondern auch das Treffen auf Schloss Burg organisiert. Sein Vater hat davon nichts mitbekommen - eine umso größere Leistung, als dass um ihn herum alle Bescheid wussten. Und das mehr als ein ganzes Jahr lang, denn so lange dauerten die Planungen, wie Frank Grasse erzählt: "Theas Tochter Kristi und ihr Mann Carel wollten ihre Hochzeitsreise zu ihren Wurzeln unternehmen - Kristi in die Heimat ihrer Mutter, Carel nach Holland, wo er geboren wurde." Die Idee, das mit einem Überraschungsbesuch beim Cousin zu verbinden, sei schnell geboren gewesen.

Ebenfalls eingeweiht worden ist Heinz Grasses Lebensgefährtin Ursula vom Stein: "Wir zwei sind heute zum Kaffeetrinken nach Schloss Burg gefahren - mehr sollte nicht stattfinden. Offiziell", sagt sie. Als dann Thea hereinkommt, und Heinz Grasse sie erkennt, glaubt er es nicht: "Ich war so baff, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte", sagt er. Das hat sich schnell gelegt, dann überwiegt die Freude: "Die Überraschung ist voll und ganz geglückt", sagt Heinz Grasse mit strahlenden Augen.

Seine Cousine bleibt mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn noch für eine Woche in Europa: Wir fahren alle für zwei Tage nach Sorau, um die alte Heimat wiederzusehen", sagt Frank Grasse. Er war kurz nach der Wende, im Jahr 1994, einmal dort. "Und ich war sehr angetan davon, wie schön die Stadt heute aussieht", sagt er. Auch das ist eine schöne Wendung, denn jetzt wird der 84-Jährige einmal kurz ernst: "Ich habe von der Flucht immer noch die Panzerketten des russischen T34 im Ohr." Dann lächelt er verschmitzt: "Vielleicht bin ich deswegen heute noch so schreckhaft."

Quelle: RP
 
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