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Wermelskirchen
Gymnasium bevorzugt

Wermelskirchen: Gymnasium bevorzugt
Neben den Noten sollte das Lernverhalten in der Grundschule die Basis sein, auf der Eltern über die künftige Schulform ihres Kindes entscheiden. Für das Gymnasium ist eine gewisse Lernbereitschaft des Kindes notwendig. FOTO: dpa/Daniel Bockwoldt
Wermelskirchen. Der Trend, sein Kind vorzugsweise auf einem Gymnasium anzumelden, ist auch in Wermelskirchen zu beobachten. 50 Prozent der Grundschulabgänger wählten diese Schulform. Zwei Drittel davon haben eine uneingeschränkte Eignung. Von Beate Wyglenda

Es ist jedes Jahr aufs Neue eine schwierige Entscheidung für Eltern: Auf welche weiterführende Schule schicke ich mein Kind? Hatten bis 2010 Grundschullehrer in NRW im Zweifel das letzte Wort, sind Eltern inzwischen von der Pflicht, sich an das Grundschulgutachten zu halten, entbunden, und treffen nun selbst die Entscheidung, wenn es um die weiterführende Schulform für ihr Kind geht. Mit Folgen: "Es werden immer mehr Schüler mit einer eingeschränkten Gymnasialempfehlung am Gymnasium angemeldet", sagt Marita Bahr, Schulleiterin des Städtischen Gymnasiums Wermelskirchen.

Die Neigung, nur das Gymnasium als weiterführende Schulform zu akzeptieren, scheint sich auszuweiten. 50 Prozent aller diesjährigen Übergänger von der Grundschule zur weiterführenden Schule in Wermelskirchen haben sich am Städtischen Gymnasium angemeldet. 153 Fünftklässler drücken dort nun die Schulbank. Doch nur zwei Drittel von ihnen haben auch eine uneingeschränkte Gymnasialempfehlung von ihrer Grundschule bekommen, einem Drittel wurde eine eingeschränkte Eignung bescheinigt. "Fünftklässler ohne Gymnasialempfehlung haben wir nur vereinzelt", sagt Bahr. Sie ergänzt, dass aber kein Kind abgelehnt würde.

Generell gilt: Keine Schule darf ein Kind aufgrund des Gutachtens ablehnen - vorausgesetzt, die Versetzung in die fünfte Klasse liegt vor. Abgelehnt werden Bewerber nach vom Ministerium vorgeschriebenen Kriterien nur, wenn es mehr Bewerbungen als Plätze für Schüler gibt. Am Wermelskirchener Gymnasium sei man aber in der komfortablen Lage, mit dem Schulträger absprechen zu können, wie viele Züge jeweils eingerichtet werden, so Bahr.

Statt also Schüler abzulehnen, setzt die Schulleiterin auf Beratung. "Bei jeder Anmeldung wird mit dem Schüler beziehungsweise seinen Eltern ein individuelles Gespräch geführt", sagt Bahr. Bei erhöhtem Beratungsbedarf zieht sie auch Sekundarschulleiter Dietmar Paulig hinzu - etwa wenn einem Schüler von seinem Grundschullehrer bescheinigt wurde, dass dieser es auf dem Gymnasium sehr schwer haben würde, die Eltern trotzdem möchten, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht.

Grundsätzlich raten beide Schulleiter dazu, das Gutachten der Grundschule ernst zu nehmen. "Ernst nehmen heißt in dem Fall, sich intensiv mit dem Gutachten auseinanderzusetzen. Danach können die Eltern ja immer noch entscheiden, ob sie der Empfehlung Folge leisten wollen", verdeutlich Bahr. Ausschlaggebend sollten jedoch nicht nur die Schulnoten sein. Die Gutachten beinhalten auch Informationen unter anderem zum Sozialverhalten, zur Lernart und zu den Fähigkeiten der Schüler. "Mein Tipp ist, die Eltern sollten das Zeugnis nehmen, sich ihr Kind dabei genau ansehen und überlegen, welche Aussagen des Lehrers tatsächlich auf ihr Kind zutreffen könnten und welche nicht", sagt Dietmar Paulig. Ebenso empfiehlt der Schulleiter, nicht auf leichtfertige Wünsche des Kindes einzugehen, das etwa auf dieselbe Schule gehen möchte wie die beste Freundin. "Nicht die Kinder treffen die Entscheidung, sondern die Eltern. Und dabei sollten diese Verantwortung gegenüber ihrem Kind übernehmen", betont Paulig.

Nicht nur für Schüler, auch für die Lehrer birgt eine fehlende Eignung der Kinder fürs Gymnasium eine Herausforderung. "Am Gymnasium ist alles noch kompakter geworden. Dieses gedrängte Arbeiten, gepaart mit Schülern, die Schwierigkeiten mit dem Stoff haben, stellt für die Lehrkräfte schon eine Herausforderung dar. Sie sind in der Zwickmühle, die Kinder individuell fördern zu wollen und zeitgleich mit ihrem Lehrstoff voran zu kommen", erklärt Bahr. Auch das Scheitern eines Kindes, trotz großer Bemühungen, sei nicht nur für die Schüler, sondern auch für Lehrer belastend.

Das Städtische Gymnasium Wermelskirchen führt seit 2015 eine Statistik, um das Verhältnis von Empfehlungen und Versetzungen zu ermitteln. Für ein aussagekräftiges Ergebnis liegen noch nicht genügend Daten vor. Aus Erfahrung sagt die Schulleiterin: "Auch Kinder, die keine uneingeschränkte Empfehlung haben, machen ihr Abitur am Gymnasium." Kritisch betrachtet Paulig aber die zunehmende Erwartungshaltung der Eltern an Schulen, jedes Kind, gleich welche Befähigung es hat, erfolgreich zum Abitur zu führen. Zwar könne jedes Kind auf seinem Leistungsniveau erfolgreich sein, ob das Abitur für jeden der richtige Weg ist, sei aber in Frage zu stellen, verdeutlicht er. Auch dafür dienen die Beratungsgespräche. "Wir müssen große Anstrengungen leisten, um die Eltern aufzuklären", sagt der Sekundarschulleiter.

Mutmaßungen darüber, warum das Gymnasium als Schulform so bevorzugt wird, wollen die Schulleiter nicht anstellen. "Das ist ein gesellschaftlicher Trend, da müsste man einen Soziologen fragen", sagt Bahr. Ebenfalls zur Richtigkeit der aufgehobenen Verbindlichkeit von Grundschulgutachten möchten sich die Pädagogen nicht äußern.

Quelle: RP
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