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Wermelskirchen
Pöhlsches scheeten - die Sportart der Schleifer

Wermelskirchen: Pöhlsches scheeten - die Sportart der Schleifer
FOTO: Kempner Martin
Wermelskirchen. Beim Bergischen Boule spielen sechs Vereine die Stadtmeisterschaft aus. Die "Pöhlschesscheeter vam Brangkdiek" ist einer von ihnen. Von Günter Tewes (Text) und Martin Kempner (Fotos)

Es gibt Sportarten, die sind einzigartig. Baumstammwerfern, die traditionelle schottische Disziplin bei den jährlichen Highland Games auf der Insel beispielsweise. Oder Boule, deren Kugeln in Frankreich mit einer ganz besonderen Gelassenheit geworfen werden.

Pöhlchenschießen im Bergischen gehört ebenfalls dazu. Nirgends wird das alte Spiel der Schleifer so praktiziert wie in der Klingenstadt Solingen. Ziel ist, auf einer Bahn im Freien mit einer Stahlscheibe einen kleinen Holzpflock direkt zu erwischen - oder so nah wie möglich an ihn heranzukommen. "Das ist leider noch keine olympische Disziplin", scherzen die Werfer, die "Pöhlschesscheeter" heißen, gerne Mundart sprechen und auch sonst Tradition und Brauchtum mit viel Gemeinschaftssinn bewahren.

Jährlich wird beim Verein "Pol daler ut" vom Schaberfeld die Bergische Meisterschaft ausgespielt. Wer da vorne liegt, kann sich gewissermaßen mit einem großen Titel schmücken. "Es ist zwar etwas übertrieben, von einer Weltmeisterschaft zu sprechen", sagt Nicole Krieger-Kull. Aber im Prinzip, fügt sie an, treffe es zu: Die Sportart gibt es doch so sonst nirgendwo - außer im Bergischen Land. Wer gewinne, könne sich quasi als Weltmeister fühlen.

Sie ist ein "Pöhlschesscheeter vam Brangkdiek" in Gräfrath. Rudolf Körsgen, Norbert Klinkert und Stefan Krieger sind ebenfalls Vereinsmitglieder. Trainiert wird regelmäßig auf der über 20 Meter langen Bahn. Es ist kein Zufall, dass diese gleich neben dem Gräfrather Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr liegt. "Das ist das Kommunikationszentrum des Solinger Stadtteils", sagt Bezirksbürgermeister Udo Vogtländer. Jährlich wird hier der Wanderpokal des Heimatvereins vergeben. Alle Gräfrather Vereine können dann den Scheet-Daler, so heißt die 700 bis 750 Gramm schwere Stahlscheibe, werfen.

"Das ist eine alte Schleifertradition", sagt Nicole Krieger-Kull. In den Schleifkotten der Klingenstadt hat das Pöhlschesscheeten seinen Ursprung. Als willkommene Abwechslung hatten es einst die Schleifer in den Arbeitspausen gespielt. Sie mussten ja sonst stundenlang vor Schleifstein und Pliestscheibe hocken. Das Spiel hat seinen Namen von einem "Pöhlschen", der mundartlichen Verkleinerung von "Pohl", was im Hochdeutsch "Pfahl" heißt. Vergleichbar ist es mit Boccia und Boule, das man in Italien, Spanien und Frankreich kennt. Gespielt wird auf einer Bahn mit farblich unterschiedlichen Kreisen am Ende. Die sind mit Nummern versehen, aus denen sich die zu errechnende Punktzahl ergibt, erklärt Pöhlschesscheeter Körsgen. In der Kreismitte steht das Pöhlschen, ein gut zehn Zentimeter langes Holzstück. Nach diesem wird mit dem gut 1,5 Zentimetern dicken, handtellergroßen Scheetdaler geworfen.

"Wenn man trifft, ist das ein schönes Gefühl", sagt Vogtländer. Der Bezirksbürgermeister hat bei der Konzentrations-Disziplin vielfach erlebt, dass das nicht so einfach ist, weil es gute und schlechte Tage gibt. "Der Mensch ist kein Roboter." Sein Tipp: "Möglichst tief in die Hocke gehen, den Arm lang durchziehen." Doch bei der Technik hat jeder eigene Vorlieben. Das fängt schon beim Anlauf an. Einige werfen aus dem Stand, andere aus dem Sprint. "Aant" nennt sich die Abwurfstelle. Bei Damen und Älteren ist die verkürzt.

Sechs Solinger Mannschaften treten bei der Sportart mit Heimatbezug an: Nümmen, Unnersberg, Hästen, Wald, "Pol daler ut" vom Schaberfeld und die Pölschesscheeter aus Gräfrath. Um "scharfe Runden" geht es bei denen durchaus. "Jedes Jahr spielen wir bei jedem Verein ein Turnier. Das Ergebnis wird zusammengerechnet. Wer am Ende die meisten Punkte hat, ist Stadtmeister", beschreiben die Gräfrather die sportliche Seite ihrer Mannschaftsdisziplin, die ohne Geselligkeit nicht auskommt. Keine Solinger Pöhlschesbahn gleicht der anderen. Jede ist unterschiedlich. Die eine ist stumpf, die andere wellig oder schnell.

Nicole Krieger-Kull spielt seit elf Jahren, war bereits Bergische Meisterin. Ihr und den anderen Vereinsmitgliedern liegt die alte Schleifertradition am Herzen: Jeder sei willkommen. Doch die Vereine leiden unter sinken Mitgliederzahlen. 18 sind es bei den Gräfrather Pölschesscheetern noch. "Wir haben aber einen großen Freundeskreis. Der ganze Stadtteil kann hier spielen" - auf einer Bahn, die die Freiwillige Feuerwehr Gräfrath Anfang der 90er Jahre baute. Rudolf Körsgen hatte damals unter anderem für die Idee geworben und Anhänger gefunden. Wer die Stahlscheibe beim Bergischen Boule wirft, spürt augenblicklich: So leicht wie eine Kugel bleibt die keineswegs in der Spur. Der Daler hat seine Eigenarten.

Quelle: RP
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