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Wermelskirchen
Reis jagt wild über das holperige Terrain des Lebens

Wermelskirchen. Ein Aufschrei geht durch alle "Rest-Ager" quer durch Deutschland: "Endlich 50!" Natürlich freuen sich die "Best-Ager". Aber haben sie auch Grund dazu? Der Kabarettist Thomas Reis desillusioniert: "Die Eltern sind tot, die Freunde verschollen, die Kinder aus dem Haus, die Frau ... (kleine Pause) wer war das noch mal? - Egal." Das Geld sei auch weg, die Karriere gelaufen und das Kuscheln vorbei. Mit dieser Situationsanalyse und einem süffisanten Lächeln in den Mundwinkeln begann Reis sein Programm über das ersehnte, simple einfache Da-Sein einer "tiefenentspannten Ehrgeizlosigkeit" jenseits einer rechnerischen Lebensmitte. Es wurde eine spitzzüngige, sarkastische und beißende Bilanz der Vergangenheit und der zu erwartenden Zukunft. In den ersten drei Minuten schlug Reis alle Wahnvorstellungen über die "beste Zeit des Lebens" flunderplatt. Die grausame Wahrheit brachte seine "liebe Zielgruppe" zum Schaudern. Sie konnte sich nur noch mit schallendem Gelächter davon befreien. Von Bernd Geisler

Hilfreich war das "Alter Ego" des Kabarettisten, das mit ihm Zwiesprache hielt. Es versuchte, nach dem Motto "besser schizophren als gar keine Freunde" die destruktiven Gedanken seines depressiv gestimmten Ich zu beschwichtigen: Der anschwellende Bauch sei nur die "Expansion der inneren Werte", derweil das innere Ich ja nicht mitaltere. Die Aktualität fand auch ihren Platz. Zum Tode des mit 57 Jahren gestorbenen Musikstars Prince meinte Reis: "Gar nicht mal so schlecht bei dem Leben." Ja, das gibt Hoffnung, wenngleich überall schlechte Omina um die Ecke lugen: "Was denken Sie, wenn Sie auf der Computertastatur Alt-Entfernen drücken?" Über solche Sätze durften die Leute nicht lange nachdenken, geschweige denn applaudieren. Sonst ging der nächste Gag bereits verloren.

Reis veranstaltete eine wilde Parforcejagd über das holperige Terrain des Lebens - von der Werbung der 1960er Jahre über die grandiose Imitation der politischen Charakterköpfe jener Zeit zu Merkels "resignierendem Pessimismus" ("Wir schaffen das."), Böhmermann-Lyrik ("kein Rilke") und ihre Folgen bis zur "Karussellfahrt" der Nazijagd im Ossiland. Er sparte auch nicht an Vorsorge-Tipps ("vor Sorge wird man krank") fürs spätere Leben: "Wie schmeckt Currywurst püriert?", "Möhren statt Zigaretten" und "an sich denken, solange man sich noch erinnern kann".

Philosophisches zum Tod kam auch gut an: "Tod ist doof, hilft aber gegen das Sterben und kommt zum Glück nur einmal vor." Mit seinem Sinn für Hintersinn kam er Wortsinn auf die Spur wie "To Go - zum Davonlaufen", Selfie ("hat was Unbefriedigendes") und "jung geblieben" heißt "zurück geblieben." Das wollen wir alle nicht. Hoffentlich heißt es bald "Endlich 60!"

Quelle: RP
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