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Wermelskirchen
"Satire ist der Zorn der Aufklärung"

Wermelskirchen. Kabarettist René Sydow präsentierte sein aktuelles Programm "Warnung vor dem Munde" in der Kattwinkelschen Fabrik.

Betritt Kabarettist René Sydow die Bühne, soll nichts von seinen in Worte gefasste Gedanken ablenken. Gekleidet in schwarzem Anzug mit braunem Hemd wirkt er neutral-zurückhaltend, fast unscheinbar. Der aus Witten stammende Sydow gastierte mit seinem aktuellen Programm "Warnung vor dem Munde" in der Kattwinkelschen Fabrik und fand so zum zweiten Mal den Weg auf die Bühne der kleinen Halle - am Wochenende vor stattlichen 160 Zuschauern. Dies ist wohl als Beweis dafür zu werten, dass René Sydow, der für sein erstes Programm "Gedanken! Los!" elf Kabarettpreise einheimste, langsam aber sicher dem Geheimtipp-Status entwächst.

René Sydow ist im politischen Kabarett kein Auszubildender mehr, mindestens ein Geselle, der kurz vor dem Abschluss der Meisterprüfung steht. In der Katt triumphiert er mit seinen Gedankenspielen und -sprüngen. Er brilliert mit einer Kombination aus Wendungen von Rede und Redewendungen, versetzt sich in Rollen, um blitzgescheite Wortgefechte auszutragen, wartet mit bissiger Satire, tiefgründiger Ironie, bitterem Sarkasmus und bezieht dort, wo er es für nötig erachtet deutlich Stellung.

Das ist beispielsweise der Fall, wenn junge Menschen gezielt ein Wirtschaftsstudium beginnen mit dem Ziel, eine kalkulierte Karriere anzutreten: "Worte wie Eigenkapitalbildung und Gewinnmaximierung sind so ekelhaft, dass ich lieber 30 Semester Maschinenbau studieren würde."

René Sydow erhebt bei seinem Auftritt das Denken dogmatisch zum Prinzip menschlichen Daseins: "Es gibt keine Antwort unter dem Strich - nur das Denken, um die eigene Antwort zu finden." Und weiter: "Satire ist der Zorn der Aufklärung." Er mache sich nicht lustig, wolle es aber lustig haben. Nach dieser Maxime nimmt Sydow die Rüstungsindustrie aufs Korn, die zwar keine Kurzwaffen mehr nach Saudi-Arabien liefern dürfe, dafür aber Landminen zum Weiterverkauf: "Lügen haben kurze Beine, wir machen sie."

Da konnte dem Publikum durchaus das Lachen im Halse steckenbleiben. Dass schallendes Gelächter aufbrandete, wenn Sydow die Politprominenz an den Pranger stellte, kann sich jeder gut vorstellen, der Wermelskirchen als Geburtsstadt von Christian Lindner vor Augen hat. René Sydow: "Herr Lindner muss in die Regierung, sonst verteilen die in der FDP wieder Fallschirme."

Nach zwei Stunden Programm, unterbrochen von einer Pause, war im Zuschauerraum das eine oder andere schwere Durchatmen zu hören. Kein Wunder, denn René Sydows Auftritt verlangt Konzentration - da "raucht die Birne".

Im Gespräch in der "Raucherecke" formulierte es der Kabarettist nach seinem Auftritt so: "Ich fordere mein Publikum." Besucher, Bühne, Technik, Versorgung, Umfeld - für einen Künstler sei die Katt "purer Luxus".

Wermelskirchen darf sich auf einen dritten Auftritt von René Sydow freuen.

(sng)
 
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