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Analyse
Schmerzhafte Einschnitte nicht zu vermeiden

Wermelskirchen. Der geplante zweite Anlauf für den gegenläufigen Radverkehr wird viel zu hoch gehängt. An erster Stelle muss stehen, die Telegrafenstraße vom Durchgangsverkehr zu befreien. Dafür muss man nicht warten, bis der Loches-Platz bebaut wird. Von Udo Teifel

Kurz vor "Tore-Schluss" beginnt das Gerangel um den gegenläufigen Radverkehr. Jetzt springt noch der Einzelhandel auf, um die Entscheidung im Fachausschuss am Montag zu verhindern.

Das "Straßenmädchen" ist eigentlich keine fahrradfreundliche Stadt. Vielleicht einmal in 20 oder 40 Jahren. In Wermelskirchen will man mit dem Auto am liebsten direkt ins Geschäft fahren. 50 Meter vom Bäcker zum Zeitschriftengeschäft dann noch zu Fuß? Nee, lieber wird das Auto umgesetzt. Das wäre für viele Autofahrer weiterhin das Wunschdenken. Die umgestaltete Innenstadt ist damit eigentlich überflüssig.

Damals war ständig Rushhour auf Telegrafen- und Kölner Straße. Endlich gibt es die Umgehungsstraße, und für viel Geld wurde auch der Brückenweg befestigt und zusätzlich ausgebaut als innere Umfahrung. Das sollte eigentlich Platz schaffen für Aufenthaltsqualität in den beiden Innenstadt-Einkaufsstraßen. Sollte...

Ja, es hat sich etwas entwickelt in den vergangenen Jahren. Dank breiter Bürgersteige stehen Tische und Stühle draußen. Doch widerrechtlich parkende Autos auf den Bürgersteigen sind noch in der Mehrheit. Da tut sich nichts. Eigentlich schade für diese Stadt. Manchen Zeitgenossen täte nämlich ein kurzer Spaziergang vom Parkplatz ins Geschäft gut.

Letzteres ist die eine negative Seite. Hinzu kommt, und das ist kein Aushängeschild, der massive Autobetrieb auf der Telegrafenstraße. Den bekommt die Stadt nicht raus. Die Politik hat sich richtig entschieden: Hier muss etwas passieren. Und das geht nur über die Neugestaltung der Zufahrt Telegrafenstraße am Brückenweg. Wer aber A sagt, muss auch B sagen: Wer trotzdem geradeaus durchfahren kann, wird sein Verhalten nicht ändern. Hier muss es "schmerzen" - es muss deutlich werden, dass der kurze Fußweg vom gut erreichbaren Parkplatz ins Geschäft schneller geht als der mögliche Stop-and-Go-Verkehr durch die Straße "An der Feuerwache".

Denn das wird kommen, wenn weiterhin 5000 Fahrzeuge auf der Telegrafenstraße gezählt werden. Jahrzehntelanges Verkehrsverhalten scheint man nicht innerhalb eines Jahrzehnts mit freundlichem Zureden ändern zu können. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Was jetzt kommen soll, ist schweres Geschütz. Es geht wohl nicht anders.

Neuerdings, zuletzt eben der Einzelhandel, wird der gegenläufige Radverkehr als Argument vorgeschoben zur Aufforderung, die zu erwartende Entscheidung eines Ausbaus doch besser zu verschieben. Am besten, bis der Loches-Platz umgebaut ist. Dafür gibt es keinen Grund. Der motorisierte Durchgangsverkehr muss aus der Telegrafenstraße raus - und da muss Wermelskirchen auch nicht auf ein Verkehrsgutachten für den Loches-Platz warten. Hier gibt es keinen Zusammenhang. Denn mit dem zu erwartenden Verkehr für einen Vollsortimenter auf dem Loches-Platz haben Radfahrer auf dem Brückenweg überhaupt keinen Platz mehr - das Gefährdungspotenzial steigt enorm durch den sicher stärker werdenden motorisierten Verkehr.

Also ist es richtig, den gegenläufigen Radverkehr einzuführen. Jetzt sollten vielmehr Einzelhandel und Stadtverwaltung einmal nachdenken, wie der Anlieferungsverkehr neu geregelt wird. Völlig unklar ist zudem, wie das Parken erfolgt - auf dem Bürgersteig? Am Straßenrand? Gibt es ein Halteverbot? Dazu gibt es überhaupt keine Aussagen - dieser Schwebezustand ist eigentlich unerträglich. Und wie das Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern verbessert werden kann, dafür gibt es vom Verkehrsplaner keine Vorschläge.

Es gibt übrigens noch eine Lösung: Wir beamen uns in die 1970er/1980er Jahre zurück. Wo viele Parkplätze in Schrägaufstellung vor den Telegrafenstraße-Geschäften vorhanden waren. Weg mit den breiten Bürgersteigen, her mit Parkplätzen. Warum eigentlich nicht? Aufenthaltsqualität? Die wird reduziert aufs Auto. Das reicht doch. Und die Millionen Euro an Fördermitteln, die Wermelskirchen für den Umbau bekam, die zahlen wir ganz einfach zurück. Vielleicht durch die kräftige Erhöhung von Steuern?

Quelle: RP
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