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Wermelskirchen
Schulische Inklusion steht auf dem Prüfstand

Wermelskirchen: Schulische Inklusion steht auf dem Prüfstand
Inklusion an der Sekundarschule: Dort befinden sich 39 von 370 Schülern im Gemeinsamen Lernen. Das klappt ganz gut, auch wenn sich Schulleiter Dietmar Paulig bessere Rahmenbedingungen vorstellen könnte. FOTO: meuter
Wermelskirchen. Nach anfänglicher Euphorie treten zunehmend Grenzen zutage. Lautes Wehklagen ist an weiterführenden Schulen nicht zu hören. Von Melanie Aprin

Peter Silbernagel kann kein Loblied auf die Inklusion in NRW singen. Der Studiendirektor steht an der Spitze des Philologen-Verbands Nordrhein-Westfalen. Damit vertritt er auch die beruflichen Belange von Lehrern im Rheinisch-Bergischen Kreis. Nicht nur dort fällt es Pädagogen schwer, ehrlich auszusprechen, was sie über die inklusive Bildung an Regelschulen denken. Silbernagel zufolge liegt das am Status der meisten Lehrkräfte: "Als Landesbeamte sind sie zur politischen Zurückhaltung aufgefordert." Also spricht er stellvertretend aus, was auch in Wermelskirchen viele Lehrer denken: "Die meisten Schulen sind ausgesprochen unzufrieden, da im Vergleich zur Situation vor der schulischen Inklusion die Ressourcen deutlich verringert wurden."

Überdies habe die bisherige Landesregierung "die pädagogischen Fragen in den letzten fünf Jahren völlig unbeantwortet gelassen", kritisiert er. Ferner wäre es nötig gewesen, "die Klassengrößen deutlich zu verringern und Klassen personell doppelt zu besetzen". Weil das alles nicht geschehen sei, "fühlen sich Schulleitungen und Lehrkräfte in sehr vielen Fällen alleingelassen".

Silbernagel glaubt, dass die schulische Inklusion an ihre Grenzen gestoßen sei und sich das vor allem an den weiterführenden Schulen zeige. Denn anders als eine Grundschule arbeite ein Gymnasium oder eine Sekundarschule auf bestimmte Bildungsziele hin. Zudem würden erst in der Sekundarstufe diverse Fähigkeiten deutlicher hervortreten.

Was nach bedenklichen Zuständen klingt, kann Dietmar Paulig als Leiter der örtlichen Sekundarschule indes nicht bestätigen. An seiner Schule, wo sich 39 von 370 Schülern im Gemeinsamen Lernen befinden, verlaufe die inklusive Bildung gut. Jedoch könne auch er sich bessere Rahmenbedingungen vorstellen: "Wenn die Sekundarschule am heutigen Standort der Realschule nach 2019 neu gebaut wird, erwarte ich die Umsetzung eines anderen räumlichen Konzeptes." Denn eine inklusive Klasse brauche mindestens zwei Klassenräume. "Diese Differenzierungsräume sind nötig, um Kinder mit speziellem Förderbedarf auch mal aus der Klasse herausziehen zu können." Zudem sei es wichtig, zusätzliche Lehrstellen nicht nur zu schaffen, sondern auch Personal hierfür zu haben.

An seiner Schule etwa gebe es eigentlich eine dritte Stelle für eine sonderpädagogische Lehrkraft. "In der Praxis kriegen wir die Stelle aber nicht besetzt." Also muss er mit zwei Stellen klarkommen, die sich auf fünf Lehrkräfte verteilen. Unter ihnen seien drei Abgeordnete von Förderschulen. "Zum Glück gibt es noch zwei Inklusionshelfer, die das Kollegium unterstützen." Laut Pressestelle des Kreises kommen Inklusionshelfer jedoch situationsbedingt zum Einsatz und helfen somit allen Kindern, die gerade besondere Aufmerksamkeit brauchen. Und das sind bei weitem nicht nur diejenigen Schüler, deren Eltern einen Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung vor Ablauf der Grundschulzeit feststellen ließen. Vielmehr gibt es Silbernagel zufolge "in den weiterführenden Schulen eine Reihe von Inklusionsschülern, die keinen ausgewiesenen Förderschwerpunkt besitzen, von denen aber die Lehrkräfte wissen, dass sie eigentlich nicht zielgleich gefördert werden können."

Hintergrund sei ein Diagnoseverfahren, das gemäß der rechtlichen Vorgaben erst in der dritten Klasse initiiert werden könne. "Zu diesem sehr späten Zeitpunkt sind viele Schulen nicht mehr bereit, den sehr großen Aufwand auf sich zu nehmen." Überdies sei Eltern wie Lehrern suggeriert worden, dass es nicht darauf ankomme, "einen bestimmten Förderschwerpunkt durch ein Diagnoseverfahren festlegen zu lassen, weil angeblich alle Schulen ausreichend viele Förderschullehrkräfte besitzen". Zudem wollen viele Eltern nicht, "dass ihre Kinder als Förderschulkinder gelten". Also tauchen sie auch nicht in der Statistik auf.

Was erklärt, warum die Zahlen von Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf so überschaubar sind. Am Gymnasium in Wermelskirchen befinden sich offiziell gerade einmal drei Schüler im Gemeinsamen Lernen. Dennoch deutet auch Leiterin Marita Bahr an, dass es zur Verbesserung von schulischer Inklusion neben Doppelbesetzungen und besseren Räumen "mehr für die einzelnen Förderbedarfe geschultes Personal" geben müsste. Was laut Silbernagel am grundlegenden Problem aber nichts ändern würde: "Schulische Inklusion passt letztlich nur zu einem System, in dem es ausschließlich ,Eine Schule für alle' gibt." Dass dieses System in Deutschland einmal kommen wird, wäre in den Augen von Sekundarschulleiter Paulig wünschenswert. "Es bleibt aber eine Illusion."

Quelle: RP
 
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