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Wermelskirchen
So lebt es sich mitten im Kirmes-Trubel

Wermelskirchen. Die Anwohner rund ums "Bermuda-Dreieck" werden zur Kirmes von morgens bis spätabends beschallt. Klaus Schiffler stört vor allem der laute Musik-Mix der verschiedenen Stände. Er verkrümelt sich fünf Tage lang in der Wohnung. Von Stephan Singer

An den Kirmes-Tagen würde Klaus Schiffler manch einem wieder gerne mal den Kopf waschen. Der 1938 geborene Berufssoldat in Pension lässt an der Wermelskirchener Kirmes kein gutes Haar mehr: "Der erste Eindruck ist doch der, dass die Kirmes nur noch Leute ansprechen soll, die sich sinnlos betrinken wollen", meint Schiffler. Mit dieser Meinung stellt er sich gegen eine Entwicklung, die in seinen Augen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren unaufhaltsam ihren Lauf nahm.

Schiffler, der mit seiner Ehefrau Christel das urige Kino "Film-Eck" an der Telegrafenstraße betreibt und dort über dem "Balkan"-Restaurant mitten im Geschehen wohnt, bedauert das Kirmes-Treiben alljährlich Ende August in zweifacher Hinsicht: Zum einen leiden die Schifflers als Anwohner besonders abends und nachts unter dem Lärmpegel, zum anderen fühlen sie sich als Wermelskirchener Besucher auf der Kirmes nicht mehr richtig wohl.

"Am Kirmes-Wochenende verkrümeln wir uns in das Zimmer, das am weitesten vom Loches-Platz und der Telegrafenstraße entfernt liegt, damit wir einigermaßen Ruhe haben", sagt Schiffler. Bei den Temperaturen in diesem Jahr sei es noch schwieriger: "Keiner will dann ja bei geschlossenem Fenster schlafen." Christel Schiffler ist zurzeit in Nümbrecht, wo sie nach einer Operation noch eine Woche in Reha ist: "Sie hat sich regelrecht gefreut, dass der Reha-Termin über die Kirmes-Tage fiel", erzählt Klaus Schiffler.

Während des Interviews sitzt Schiffler auf seiner Terrasse mit Blick auf den Loches-Platz. "Die Geräusche von der Kirmes sind tagsüber bis etwa 23 Uhr, wenn dort Schluss ist, ziemlich gleichförmig und von der Lautstärke her zu ertragen - das hört man nach einiger Zeit gar nicht mehr", sagt er. Tatsache sei aber auch, dass abends zwischen 18 und 21 Uhr mit steigenden Besucherzahlen der Schall-Druck aus dem angesagten "Bermuda-Dreieck" von "Balkan", "Centrale" und Hotel "Zur Eich" hörbar zunehme. "Dann wird die Musik immer weiter aufgedreht, als wolle man sich gegenseitig überbieten", sagt Schiffler. "Man müsste die Lautstärke grundsätzlich reduzieren, und alle sollten die gleiche Musik spielen. Dann gäbe es nicht dieses dröhnende Misch-Masch", meint der Anwohner.

Dem aufmerksamen Beobachter in den vergangenen 43 Jahren fällt auf, was er als "unfair" bezeichnet. Die ansässigen Wermelskirchener Gastronomen dürfen zur Kirmes freitags und samstags bis 1 Uhr nachts Musik spielen lassen (sonntags, montags und dienstags bis 23 Uhr): "Das darf der ,Traber' auf dem Loches-Platz nicht. Der gilt wohl als Kirmes-Schausteller und muss immer um 23 Uhr schließen, obwohl der auch ein gastronomischer Betrieb ist", sagt Schiffler.

Seit 1972 wohnt Familie Schiffler direkt am Kirmes-Geschehen, das Ehepaar hat hier zwei Kinder groß gezogen. Klaus Schiffler stellt klar, dass er kein grundsätzlicher Kirmes-Hasser ist, der aus Prinzip verstockt gegen alles wettert. Er sei ein Wermelskirchener Junge, bezeichnet sich selbst als mit "Eifgenwasser getauft". "Früher kamen zum Beispiel regelmäßig Freunde aus Bonn zu uns. Wir haben die Kirmes besucht und dann bei gutem Wetter noch gesellig auf unserer Terrasse den Tag ausklingen lassen. Das kann ich heute keinem mehr zumuten."

Zur Matinee zieht es die Schifflers nicht mehr ins Getümmel: "Früher haben wir dort Freunde und Bekannte getroffen, Leute, die man nur zwei- oder dreimal im Jahr sieht - und wir haben uns fast den ganzen Tag unterhalten. Heute kann man sich nur noch anschreien und an seinem Glas festhalten. Der heutige Kirmes-Krach lockt nur noch zum Sauf-Gelage, aber die Kultur ist weg. Die Musik sollte Raum für Gespräche lassen und nur im Hintergrund spielen", findet der Betreiber des "Film-Ecks".

Klaus Schiffler hat sich allerdings nicht von allen Gewohnheiten abbringen lassen: Am Kirmes-Sonntag trifft er sich nach wie vor morgens mit Freunden zu einem ausgiebigen Frühstück im Stadtcafé. "Dort waren wir uns in der Runde alle einig, dass wir nicht mehr zu Matinee gehen. Wir vermissen die Zeiten, als die Lautsprecher noch so groß wie eine Zigarrenschachtel waren und die Gastronomen nur ihren eigenen Stand beschallt haben", sagt Schiffler.

Der Bummel über den Krammarkt ist für ihn nach wie vor obligatorisch: Dort kauft die Familie bei den immer gleichen Beschickern, die das Ehepaar seit Jahren kennt, Dinge des täglichen Bedarfs wie Gürtel, Schneid-Brettchen oder Pfannen ein.

Quelle: RP
 
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