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Wermelskirchen
Stolz auf Tante Adele, eine Widerstandskämpferin

Wermelskirchen: Stolz auf Tante Adele, eine Widerstandskämpferin
Die gebürtige Wermelskirchenerin Renate vom Stein hat sich auf Spurensuche begeben und viele Geschichten über ihre Tante, Adele Kirstner, herausgefunden. FOTO: walter Schubert (archiv)
Wermelskirchen. Die gebürtige Wermelskirchenerin Renate vom Stein erzählt von ihrer Tante, Adele Kirstner, einer Frau im Widerstand. Von Walter Schubert

"Diese Geschichten muss man erzählen, damit sie sich nie wiederholen", sagt Renate vom Stein. Sie stammt aus Wermelskirchen, wohnt heute in Köln und hat sich auf Spurensuche begeben, um das Leben ihrer "Lieblingstante", Adele Kirstner, aufzuzeigen. Unzählige Briefe, Dokumente, Fotos und Kopien aus dem Landesarchiv NRW sind Zeugnis über ein bewegtes Leben.

"Vielleicht war ihr ja das Rebellische bereits in die Wiege gelegt", sagt vom Stein. "Geprägt wurde sie aber sicher durch die Armut, die Erlebnisse mit Schule und Kirche und die, aus heutiger Sicht, unglaublichen politischen Umstände". Adele Kirstner (geb. vom Stein) wurde 1904 geboren. Ihr Vater starb früh, und so blieb Mutter Elise vom Stein mit sieben Kindern ohne finanzielle Unterstützung zurück.

Adele besuchte die Schule im Eschbachtal. "Der Lehrer Huppertz hat besonders die Kinder geschlagen, die keinen Vater hatten", sagt Renate vom Stein, "das hatte mir meine Tante immer wieder erzählt". Die achtjährige Adele stellte sich gegen den Lehrer und wurde mit einem Fußmarsch nach Remscheid bestraft. Zehn bis 15 Kilogramm Taubenfutter musste sie dabei schleppen.

Adele und ihr späterer Mann Ernst wurden zusammen konfirmiert. Sie verliebten sich, und als ein Kind unterwegs war, "mussten" sie heiraten. Das Kind wurde krank und starb im Alter von nur neun Monaten. Der Pfarrer, der sie konfirmiert und getraut hatte und beide Familien gut kannte, machte bei der Trauerfeier folgende Aussage: "Lieber Gott, du hast das Kind der Sünde zu dir zurückgeholt." Daraufhin erfolgte der Austritt aus der evangelischen Kirche und die Warnung an den Pfarrer, ihre Wohnung nie wieder zu betreten, denn sonst "geschähe ein Unglück".

Kirstner wurde Mitglied der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) und war damit, spätestens ab 1933, eine Widerstandskämpferin und in Lebensgefahr. Dabei war die KPD bis zur Machtergreifung durch Adolf Hitler eine überaus erfolgreiche Partei. Ein Wahlzettel aus dem Stimmbezirk Pohlhausen von der letzten Reichstagswahl im März 1933 zeigt wesentlich mehr Stimmen für die KPD als für die Hitlerbewegung. 1935 wurden Kirstner und viele Gesinnungsgenossen verhaftet. Die Anklage lautete: "Vorbereitung zu Hochverrat." Die Vergehen waren, nach heutigem Verständnis, Kleinigkeiten: illegale Zusammenkünfte, das Drucken und Verteilen von Flugblättern, Fluchthilfe oder die Beherbergung von politisch Verfolgten. Es handelte sich nicht um gefährliche Dinge wie Waffen, manchmal ging es nur um ein Stück Brot. Kirstner hatte Glück, sie hatte sich nur dem "Tatbestand der Begünstigung" schuldig gemacht. Das Urteil: sechs Monate Gefängnis. "Auch Folter und Gefängnis haben ihre Ansichten nicht geändert. Vielleicht wurde sie dadurch noch stärker", sagt Renate vom Stein. Sie engagierte sich weiter politisch und wurde nach dem Krieg stellvertretende Bürgermeisterin in Wermelskirchen und Kreistagsabgeordnete für die KPD.

1956 wird die KPD in der Bundesrepublik verboten. "Über das Verbot mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen", sagt Renate vom Stein. "Ich jedenfalls bin stolz auf meine Tante, die immer gekämpft und nie aufgegeben hat." Adele Kirstner arbeitete weiter im sozialen Bereich, half Flüchtlingen und Verfolgten. Sie starb 1983 in Kerpen.

Quelle: RP
 
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