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Wermelskirchen
Überirdische Musik in der Kirche

Wermelskirchen. Beim Ortiz-Projekt treffen Jazz und Renaissance aufeinander - und es klappt! Von Bernd Geisler

Vielleicht bekommen die Mauern und Steine der Evangelischen Stadtkirche ja die Töne mit. Jedenfalls scheint es, als seien sie auch ganz Ohr. Als wollten sie an der Musik teilhaben, lassen sie der Musik freien Lauf. Der gesamte Raum im Kirchenschiff scheint mitzuschwingen, als die zehn Musiker des Ortiz-Projektes das Konzert mit "Recarda III - Passamezzo moderno" beginnen.

Ein Klangteppich breitet sich aus, der sich gleitend emporhebt und sanft die Zuhörer willkommen heißt. Die Töne locken und schmeicheln. Herz und Sinn fühlen sich gleichermaßen umgarnt. Saxofon und Stimme fließen ineinander über, bilden konzentrische Kreise und hauchen, begleitet vom behutsamen Streicheln der Jazzbesen, der Atmosphäre einen beinahe überirdischen Klang ein: nicht von dieser Welt. Die Kirche ist der passende Ort dafür. "Wir wollten zu Anfang nicht sofort mit konkreten Themen loslegen", sagte Angelika Niescier nach dem Konzert. Sie und Alfred Karnowka lieferten die Arrangements für diese außergewöhnliche Aufführung.

Jazz und Renaissance-Musik treffen sich auf der Basis des Hauptwerkes "Tratado de glosas" des italienischen Kapellmeisters Diego Ortiz (etwa 1510 bis 1579). Die Arrangeure nutzten auch die Musik von Zeitgenossen Ortiz' und ließen sich inspirieren von nachgebauten Instrumenten des 16. Jahrhunderts.

Und dann treffen die Klassiker auf die Jazzer. Es wird spannend: Kommen sie sich musikalisch ins Gehege? Spielen sie aneinander vorbei? Oder gibt's ein Hauen und Stechen? Nichts von alledem: Es klingt nach einem Wunder - wie durch einen atmosphärischen Nebel zusammengehalten gibt es Raum für alle. Melodien verbinden sich, tanzen fremdartige Schritte zu unerwarteten Rhythmen, lösen sich wieder, aber erinnern sich wie Geliebte, die nicht voneinander lassen können. Hackbrett (Marita Bahr), Renaissanceharfe (Riccardo Delfino), Diskantgambe (Alfred Karnowka), Tanzlaute (Hans-Peter Peil), Viola da gamba (Harald Mohs) und Sopran (Veronika Madler) kokettieren mit Vibrafon (Tom Lorenz), Percussion (Christoph Hillmann), Kontrabass (Matthias Akeo Nowak) und Saxofon (Angelika Niescier). Heraus kommt etwas vollständig Neues. 16. und 21. Jahrhundert im selben Augenblick: Das ist zeitlos.

Damit verschwinden Vergangenheit und Zukunft, allein die Gegenwart zählt. Mit diesem Gefühl zuzuhören, und das an diesem Ort, wird das Konzert zu einem meditativen Erlebnis. Freude und Wertschätzung kommen auf.

Kein Wunder, dass nach zehn Stücken die Leute in der Evangelischen Stadtkirche am Markt aufstehen und fasziniert klatschen. Alle Musiker haben das verdient.

Ihre beschwingte Zugabe macht den Weg nach Hause leicht.

Quelle: RP
 
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