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Wermelskirchen
Was uns Pfingsten lehren kann

Wermelskirchen. Die Pfingstgeschichte beschreibt die Ausgießung des Heiligen Geistes. Ist er es, der unser Denken und Handeln leitet? Von Jessica Balleer

War das schön, die Frühlingssonne der vergangenen Tage auf der Telegrafenstraße zu genießen. Bei einer Tasse Tee gab es Minuten der Muße, in denen ein Blick für das Treiben blieb. Doch es konnte einem mulmig werden: Gestarre auf das Smartphone, genervtes Warten an der Ampel, wenige Gespräche und kaum Augenkontakt mit anderen Passanten. Und dass kurz vor Pfingsten, das an die "Ausgießung des Heiligen Geistes" erinnern soll, also jener unsichtbaren Macht, die sich eigentlich durch unser Handeln und den Umgang miteinander kenntlich machen sollte.

Dem Pfingstfest messen Christen in Deutschland seit Jahren eine fast stiefkindliche Bedeutung bei. Kein Vergleich zu Weihnachten und dem Osterfest. Aus dem griechischen "Pentecoste" ("Fünfzigste") entspringt sein Name, weil Pfingsten am 50. Tag nach Ostern beginnt. Die beiden Festtage erinnern an die Apostelgeschichte, als in Jerusalem Pilger unterschiedlichster Herkunft zusammenkamen und die Ausgießung des Heiligen Geistes verkündet wurde. So jedenfalls entnehmen wir es der Bibel. Dass es die Menschen ausgerechnet am Pfingstwochenende auf Ausflüge in die Fremde zieht, mutet wie eine Ironie des Schicksals an:

"Denn als der Pfingsttag gekommen war, da waren sie alle an einem Ort beieinander", heißt es in der Apostelgeschichte 2. Feuerzungen erschienen den Pilgern, der Geist setzte sich auf einen jeden von ihnen und plötzlich geschah das Wunder: "Sie fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen." Mit dem Pfingstwunder schien die Sprachverwirrung übertrumpft, die Gott als Strafe für den größenwahnsinnigen Turmbau zu Babel verhängt hatte. Alle Menschen waren durch die Sprache vereint, trotz unterschiedlicher Herkunft.

Was aber lehrt uns das heute? In einer Gesellschaft, in der Taube, Rose oder Feuerzungen kaum mehr als Friedenssymbole wahrgenommen werden und christliche Werte längst nicht mehr dem Glauben der Gesellschaft entsprechen, die aus lauter Individuen besteht? Die Evangelische Kirchengemeinde und die katholische Gemeinde St. Michael und Apollinaris in Wermelskirchen sind sich einig. Sie feiern Pfingsten als Geburtstag der Kirche. "Wir versuchen in diesen Tagen, den Heiligen Geist greifbar zu machen." Und Pfarrer Ulrich Seng sieht im Pfingstwunder ein Ereignis, das Menschen über Grenzen hinweg verbinden konnte. In unserem Sprachgebrauch findet sich das Bild des Geistes noch heute, der sich mit Feuerzungen offenbarte: Begeistert sein, heißt Feuer und Flamme zu sein. Pfarrer Seng sagt, "der Heilige Geist inspiriert uns, etwas zu tun oder zu lassen".

Dass auch die multikulturelle Gesellschaft im damaligen Jerusalem mit Problemen kämpfte, verschweigt die Bibel nicht. Von "Kulturkämpfen" und kriegerischen Konflikten ist die Rede. Doch die "Feuerzungen" hoben Unterschiede zwischen den Menschen auf, weil vor dem Heiligen Geist alle gleich sind: "Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder", heißt es da. Also Frauen und Männer, Freie und Sklaven, Juden, Griechen, Römer. Selten waren die Zeiten näher: Was damals Juden, Parther, Meder und Elamiter, könnten heute Christen, Juden und Muslime in unserer Stadt sein. Deutsche, Einwanderer und Flüchtlinge aus der ganzen Welt, die in Wermelskirchen zusammenleben. "Das Wirken des Heiligen Geistes zeigt sich in den ganz alltäglichen Situationen", sagt Pfarrer Michael Knab. Wenn ein innerer Knoten platze oder unser Bitten erhört würden, gebe uns das ein gutes Gefühl. Im Miteinander spürten wir das auch: "Wenn zwei Personen nicht die gleiche Sprache sprechen und trotzdem merken, ob sie sich verstehen oder nicht, angenommen sind oder nicht, willkommen sind oder nicht, sich sympathisch sind oder nicht." Menschlichkeit nennt der Pfarrer das. Und kaum jemandem dürfte dieses Gespür für die eigene Person und seine Umgebung fremd sein. Obschon der Name variiert. Man kann es "innere Stimme", das "Schicksal" oder eine "höhere Macht" nennen. An Pfingsten biete sich die Chance, sich für die Gegenwart dieser unsichtbaren Kraft in der Welt zu sensibilisieren. Irgendetwas ist da, das unser Handeln und Denken leitet.

Was bleibt, ist die Frage: Wonach streben wir im Alltag? "Viele sehnen sich nach Liebe, einer intakten Familie und dem Angenommensein", sagt Pfarrer Knab. Im Miteinander könnte der Schlüssel zum Glück liegen: "Leben heißt, dass uns die Not des anderen anrührt." Auch wenn die Menschen die Feiertage nutzen, um in alle Himmelsrichtungen zu fliehen: Am Pfingstmontag kehren sie doch zurück zum Alltag, der der Herzschlag unseres Lebens ist. Pfingsten zeigt es, dass wir nur in uns hineinhorchen müssen, um trotz der individualisierten Gesellschaft ein gutes Miteinander zu schaffen. Der Ort spielt laut Seng eine unwesentliche Rolle: "Der Geist weht wo er will. Aber er weht."

Quelle: RP
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