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Wermelskirchen
Werkschau-Rückblick auf halbes Jahrhundert

Wermelskirchen. Wolfgang Thiele verarbeitet in seinen Werken eigene Erfahrungen - der Weg ist für den Künstler das Ziel. Tagesausstellung im Gemeindehaus. Von Bernd Geisler

Die meisten von uns werden schon viele Male achtlos an einem Holzklotz vorbeigegangen sein. Nicht so Wolfgang Thiele. Der 1937 geborene Künstler hat in Holz seinen Werkstoff entdeckt. "Ich sehe beim ersten Blick, was in dem Klotz steckt", sagt er. Er braucht nicht lange zu überlegen: "Ich habe von Anfang an eine persönliche Beziehung zu dem Werkstück." Das, was es enthält, gilt es "nur noch freizulegen".

Um dies zu verdeutlichen, hat er in seiner Ausstellung "Rückblick auf ein halbes Jahrhundert" im Gemeindehaus Markt auch die noch nicht fertige Skulptur "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" mitgebracht. Hier ist deutlich zu spüren, was Thiele bewegt: Kann er das, was im Holz schlummert - gleichsam mitgewachsen ist - so herausarbeiten, dass es frei von der Hülle und allem ihm umgebenden Ballast sich so darstellt, wie er es mit dem ersten Blick bereits gesehen hat?

Diese Herausforderung ist ihm stets aufs Neue Motivation genug, über ein Jahr und länger an einer Skulptur zu arbeiten. "Der Weg ist das Ziel", sagt Thiele und beschreibt damit die Freude, die er empfindet, wenn er sich Span um Span dem Endergebnis nähert.

Den "verlorenen Sohn" möchte er gerne zur nächsten Jahresausstellung des Kunstvereins ausstellen. 1961 - während seines Pädagogikstudiums mit dem Schwerpunkt Kunst- und Werkerziehung - gab ihm sein Professor mit einem Stück Holz den entscheidenden Impuls: "Mach' was draus." Thiele "machte" einen Fuchs. Weitere Tierfiguren entstanden. Ein Jahr später bildete er mit den ersten Krippenfiguren Menschen ab. Sie beherrschen in dieser Werkschau die Szene.

"Mich interessiert das Mitmenschliche", sagt Thiele. Teile seiner Biografie schlagen sich hier nieder. Seine Mutter verhungerte 1945 in Königsberg, sein Vater wurde im Krieg vermisst. Wolfgang lebte zwei Jahre lang als obdachloser Knabe und Waise im zerstörten Königsberg. 1947 wurde er in Viehwaggons herausgeschafft und gerettet. Diese Zeit hat ihn geprägt.

"Ich habe unendliches Leid gesehen und erfahren", sagt er. "Aber auch sehr, sehr viel Menschlichkeit", fügt er dankbar hinzu. Mit seiner Kunst klärt er auf. Er weiß, wovon er spricht, wenn seine Skulpturen Titel tragen wie "Die Vertreibung aus der Heimat", "Der Tag der Vertreibung", "Der einsame Junge auf den Trümmern von Königsberg", "Die Mutter", "Der Kriegsheimkehrer" oder "Der Teilnahmslose".

Die Skulpturen ergreifen den Betrachter durch ihre mahnende, intensive Authentizität. Die erschreckende Parallele zu heutigen Flüchtlingsströmen öffnet sich jedem am diesen Tag zwangsläufig, der nicht flüchtig vorübergeht.

Schade, dass diese wichtige Ausstellung nur am Sonntag nach dem Themen-Gottesdienst im evangelischen Gemeindehaus am Markt zu sehen war.

Quelle: RP
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