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Wermelskirchen
Wildschweine graben die Gärten um

Wildschweine wühlen Garten in Wermelskirchen auf
Klimawandel, milde Winter und ein großes Futterangebot - die Wildschweine vermehren sich fast explosionsartig. Die Rotten gehen sogar in die Wohngebiete. Dort können sie gefahrlos Futter suchen. Die Jäger sind machtlos. Von Udo Teifel, Wermelskirchen

Achim Stillger nimmt's mit Humor. Galgenhumor. "Man hätte den Wildschweinen beibringen müssen, gerade Furchen zu ziehen. Dann könnte ich Kartoffeln säen." Doch auf der Suche nach tierischem Eiweiß in Form von Larven zeigten sich Anfang August Bachen mit ihren Frischlingen nicht so rücksichtsvoll: Sie wühlten in zwei Nächten im Garten von Achim und Gabriele Stillger an der Remscheider Straße. Die Rasenfläche ist nun mehr nur noch ein wilder Acker.

Auf der Videosequenz sind die Tiere deutlich zu erkennen, wie sie die Wiese von Achim Stillger umpflügen. FOTO: stillger/bm-Foto: moll

Seit 47 Jahren wohnt das Ehepaar an der Remscheider Straße. Aber so extrem wie in den beiden Augustnächten war es noch nie. Ihr Gartengrundstück ist zum Stadtwald hin Richtung Preyersmühle immer offen gewesen, Rehe sind eigentlich ständig Gäste und knabbern dort gerne an Rosen und Gladiolen. "Das nehmen wir gern in Kauf", sagt Gabriele Stillger. Deshalb gibt es auch keinen Zaun. Denn das Ehepaar will sich die einzige Zufahrtsmöglichkeit zum hinteren Grundstück über ein benachbartes Gewerbegrundstück offen halten.

Erstmals 2015 kamen Wildschweine in den Garten, richteten aber nicht so großen Schaden an wie in diesem Sommer. Dann rückte eine Rotte an Heiligabend 2016 an und suchte Futter. Seither war's ruhig. Bis zwei Rotten nun den Garten umgruben. Drei große Säue und sieben Frischlinge zählte Stillger. Denn er hatte sich längst eine Wildkamera gekauft. "Ich will schließlich mal sehen, was da los ist", sagt er. Und die Bilder belegen, was da nachts los war. "Wildschweine sind ja nicht gerade leise. Aber wir haben nichts gehört", berichtet Stillger.

Der Wermelskirchener schaute sich den Zustand der Rasenfläche am nächsten Tag mal genauer an. FOTO: Moll Jürgen

An Flutlicht haben sich die Tiere gewöhnt

Die damalige Stadtförsterin gab Stillger mal den Tipp, Flutlicht mit Bewegungsmelder einzurichten. Doch die Tiere sind schlau und gewöhnten sich dran. Auch Urinstein war ein Tipp - half aber auch nicht. Die heutige Rasenfläche, etwa 100 Quadratmeter, war früher mal ein Nutzgarten. "Nach dem vielen pflanzlichen Eiweiß suchen sie jetzt tierisches. Das finden sie natürlich in Larven im Boden", sagt Stillger. Er nimmt den Schaden hin, denn ersetzt wird Privatleuten nichts, nur der Landwirtschaft. "Ich werde die Fläche glatt ziehen und dann schauen, ob sie wiederkommen."

Erfreulicher Nebeneffekt von Stillgers Neugier: Fuchs und Marder fanden sich auf Videosequenzen der Wildkamera, auch ein Kauz flog auf die Kamera zu. "Wir haben auch Fledermäuse, aber die sind zu schnell." Wildschweine, berichtet Hegeringsleiter Norbert Drekopf, sind in diesem Jahr ein großes Problem für die Jäger. "2017 ist ein extremes Jahr. So viele Wildschweine hatten wir noch nie." Und das Jagen ist schwierig. Denn: Die Bachen werfen nicht nur einmal im Jahr, sondern oftmals zweimal. Pro Bache kommen im Jahr durchschnittlich 20 Frischlinge auf die Welt. "Und wenn Bachen unterwegs sind, wissen wir nicht, ob sie Frischlinge haben. Muttertiere dürfen nicht geschossen werden."

Die explosionsartige Vermehrung habe sicher etwas mit dem Klimawandel zu tun, sagt Drekopf: milde Winter und hohe Eichelmast. Dazu kommt die zunehmende Maisfelderdichte. Alles führe dazu, dass die Bachen mehrfach im Jahr von den Keilern gedeckt würden. Und: Die Tiere seien schlau. "Sie wissen, wo ihnen Gefahr droht von den Menschen. Diese Plätze scheuen sie." So kommt es, dass sie auch in die Wohngebiete gehen.

Entsprechend hoch seien die Schäden - in Wohngebieten, in Getreidefeldern oder bald im Mais. Da die Tiere keine Angst haben, könne es im Wald auch mal passieren, dass ein "Überläufer" hinter einer Fußgängergruppe herlaufe. "Sie sind nicht mehr scheu." Angst vor den Pilzsammlern haben sie auch nicht mehr. Drekopf warnt: "Man darf nur nicht zwischen Bache und Frischlinge kommen"

Der Hegeringsleiter hat gerade eine Ansitzwoche hinter sich. Mit wenig Erfolg. "An einem Abend hat ich fünf Bachen mit Frischlingen gesehen. Das hat's früher nicht gegeben. Uns Jägern stehen da die Haare zu Berge."

Quelle: RP
 
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