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Wermelskirchen
"Wortkaskadengroßtaten" von Schmickler

Wermelskirchen. Zwei Sachen sind bei einem Auftritt des Kölner Kabarettisten Wilfried Schmickler immer schon im Vorfeld klar: Zum einen wird der Saal, in dem er sein Programm präsentiert, mit Sicherheit ausverkauft sein, und zum anderen darf sich sein Publikum auf einen zweistündigen Parforce-Ritt durch die Unsinnigkeiten, den Irrsinn und die Verrücktheiten unserer Zeit - also quasi die heilige Dreifaltigkeit des Kabaretts - freuen, bei dem weder ein Auge trocken, noch ein Gag ungelacht bleiben werden. So auch in der Kattwinkelschen Fabrik, als Schmickler sein aktuelles Programm "Das Letzte", das siebte mittlerweile, mit gewohnt gehetztem Sprachduktus in die voll besetzten Bogenbinderhalle pustet. Von Wolfgang Weitzdörfer

Dabei macht Schmickler kein reines Polit-Kabarett, was man anhand seiner Radio-Kolumne vielleicht erwartet hätte. Im Gegenteil, Schmickler ist ein ausgesprochen scharfer Beobachter von sowohl Politik als auch Gesellschaft. Und er schafft es beim Auftritt spielend, seine Beobachtungen in scharfzüngige Kommentare umzuarbeiten, die er einem mit der Wortfrequenz eines Maschinengewehrs um die Ohren haut. Etwa wenn es um die zunehmende Digitalisierung geht: "Big Brother, also der von George Orwell, hat eine kleine Schwester namens Barbie. Und die hat der kleinen Solveig direkt aus der Nase gezogen, dass sie das nigelnagelneue Smartphone unbedingt braucht. Auch wenn es erst in drei Monaten auf den Markt kommt, aber schon jetzt ein Relikt aus der digitalen Steinzeit ist."

Nein, da ist Schmickler radikal: "Ich will einfach nicht, dass mein Wasserkocher ein Verhältnis mit dem Kronleuchter eingeht. Irgendwann komme ich nach Hause, und beide sind weg - durchgebrannt!" Er scheint auch lieber im Laden einzukaufen als beim Online-Kaufhaus, wenngleich es vor allem die Versandmethoden sind, die ihm übel aufstoßen: "Es gibt ja Pläne, den Versand in die Kanalisation zu verlegen. Da stehen dann Menschenketten aus Langzeitarbeitslosen - doppelreihig: eine für die Bestellung, die andere für die Rückgabe."

Überhaupt, online: Petitionen sind Faszinosum und Grauen zugleich für den Mann mit dem schwarzen Sakko: "Ich habe vor Jahren ja auch schon mal eine Online-Petition erstellt: für die Freilassung aller Daten. Es ist aber schon sensationell, was und wer alles für und gegen wen und was petitioniert." Darauf folgt dann eine jener Schmickler-typischen Wortkaskadengroßtaten, bei denen auf der Bühne immer das Licht gedimmt wird, damit man sich nur auf den Meister konzentriert, der, ohne sich zu verhaspeln, Wort um Wort ausspeit, als würde er nach Buchstaben bezahlt...

Natürlich bekommt auch der "besorgte Bürger" sein Fett ab. Herrlich, wie Schmickler da die Analogie zu den "Bewahrern der deutschen Hackfleischbällchenkultur" zieht, die ja bei Ikeas Köttbullar das kalte Grausen bekommen müssten: "Was ist das eigentlich? Schwein, Rind, Pferd, Elch? Die Wahrheit kennt kein Mensch!" Daher ist klar: Der Köttbullar gehört nicht zu Deutschland - und es bleibt für Schmickler nur ein Fazit: "Ich hole mir jetzt Currywurst mit Pommes und Mayo."

Quelle: RP
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