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Kreis Wesel
800 Amazon-Beschäftigte tanken Mut

Kreis Wesel: 800 Amazon-Beschäftigte tanken Mut
Kampfansage: In der Messenhalle Rheinberg versammelten sich gestern rund 800 Mitarbeiter des Online-Versandhauses Amazon. Sie wollen nicht lockerlassen und kündigten einen langen Atem an, ihre Forderung nach einem Tarifvertrag für den Einzelhandel durchzusetzen. FOTO: Olaf Ostermann
Kreis Wesel. Gestern versammelten sich auch Beschäftigte des Online-Versandhauses aus Werne, Bad Hersfeld und Koblenz in der Messe Rheinberg, um der Forderung nach einem Tarifvertrag Nachdruck zu verleihen. Der Warnstreik geht weiter. Von Erwin Kohl

In dieser Woche haben Teile der Amazon-Belegschaft in den Standorten Werne, Bad Hersfeld, Koblenz und Rheinberg ihre Arbeit niedergelegt. Wieder einmal. "Ich kann nicht mehr sagen, wie oft wir schon gestreikt haben. Ich weiß nur, dass wir uns auf einem langen Weg befinden. Bei Ikea hat es sieben Jahre gedauert", sagt Tim Schmidt, von der Gewerkschaft Verdi, Sekretär für den linken Niederrhein.

Auf Einladung der Arbeitnehmervertretung fand gestern am Amazon-Standort Rheinberg eine die Streikversammlung in die Messe Niederrhein statt. 800 Mitarbeiter aller Amazon-Niederlassungen sowie des KIK-Zentrallagers im westfälischen Bönen machten schon lange vor Beginn mit Trillerpfeifen und Trommeln deutlich, dass sie den Arbeitskampf nach wie vor höchst motiviert angehen.

Das scheint nötig. Noch immer verweigert der weltgrößte Online-Versandhändler die Hauptforderung der Gewerkschaft nach einem Tarifvertrag. Er ist nicht mal verhandlungsbereit. "Mit unveränderter Dreistigkeit lehnt man Gespräche ab", ruft Verdi-Mann Schmidt ins Mikrofon und heizt die Stimmung an. "Man möchte nicht mit Außenstehenden verhandeln, heißt es", fährt Schmidt fort: "Aber seht euch doch mal um: Ihr alle seid Amazon und Verdi."

Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Rheinberger Niederlassung wirft Amazon vor, immer mehr Druck auf die Mitarbeiter aufzubauen. Er warnt: "Wer Menschen unter ständigem Druck arbeiten lässt, darf sich nicht wundern, wenn Druck in Widerstand umschlägt."

Dafür gab es ebenso lautstarken Beifall wie für das Statement des Koblenzer Amazon-Betriebsrates Norbert Faltin. "Amazon hat ersucht, die Gerichte zu instrumentalisieren, und lässt jegliche Gesprächskultur vermissen. Solche Geschäftsmethoden sind die Abrissbirne des Sozialstaates." Von den rund 10 000 Amazon-Beschäftigten in Deutschland streikt nur ein kleinerer Teil, die anderen verrichten weiter ihre Arbeit. Aber auch sie würden später von Lohnerhöhungen und tariflicher Absicherung profitieren, so die Gewerkschafter.

Hauptredner Bernd Riexinger, Gewerkschaftssekretär und Bundesvorsitzender der Partei Die Linke machte den Streikenden Mut: "Wer in diesen Tagen das Werkstor passiert, wird von den Chefs besonders freundlich begrüßt. In Wirklichkeit denkt man: Die haben kein Rückgrat. Ihr aber habt euch längst deren Respekt verdient. Ihr seid zum Symbol für prekäre Arbeit geworden."

Um Solidarität zu spüren, haben "Amazoner" aus Bad Hersfeld eine vierstündige Anreise in Kauf genommen. Einer von ihnen ist Günter Wydra. Der gelernte Dachdecker bemängelt neben ständigen Kontrollen vor allem den Umgang mit den Mitarbeitern: "Manager sind selten länger als zwei Jahre dabei. Sobald sie zu menschlich werden, müssen sie gehen." Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die Gewerkschaft kurzfristig entschieden, den Streik in Rheinberg bis Montag zu verlängern. Für diese Ansage erntete Tim Schmidt den lautstarken Applaus.

Quelle: RP
 
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