| 18.27 Uhr

Wesel
Angst vor dem Höfesterben Wertvolle Hilfe für Familien

Wesel. CDU-Bundestagskandidatin Sabine Weiss war Gast bei Arnd Cappell-Höpken in Drevenack. Dort hörte sie sich die Klagen der gebeutelten Milchviehhalter an. Weiss will sich für einheitliche Agrardiesel-Preise in der EU einsetzen. Neukirchener Erziehungsverein: Sozialpädagogische Familienhilfe und Frühförderprogramm "Opstapje". Lob gibt es für die Stadt, die bei der Finanzierung hilft. Anerkannt ist das Angebot auch in Migrantenkreisen Von Martha Agethen

Hünxe Die wahlkämpfende CDU-Bundestagskandidatin Sabine Weiss hatte gestern Vormittag einen Termin in Drevenack, an den sie sicher noch lange zurückdenken wird. Auf dem idyllisch gelegenen Hof von Milchviehhalter Arndt Cappell-Höpken, dem Vorsitzenden des CDU-Kreis-Agrarausschusses, hatte sie zunächst das Vergnügen, in der Kabine der Mais-Erntemaschine von Lohnunternehmer Peter Kok eine Runde über das Feld zu drehen, um sich anschließen von einem knappen Dutzend Milchbauern über deren schwere Sorgen und Nöte zu informieren. Denn sollte Weiss als Nachfolgerin von Ilse Falk demnächst in den Bundestag einziehen, wird sie dann auch die Interessen der Milchviehhalter in ihrem ländlich geprägten Wahlkreis vertreten. "Ich möchte", sagte sie, "aus dem Dialog mit ihnen Argumente mitnehmen, um dann in Berlin für sie alle rauszuholen, was rauszuholen ist."

Die Forderung der Landwirte nach einer europaweit einheitlichen Besteuerung des Agrardiesels konnte sich Weiss uneingeschränkt anschließen. "Es kann nicht sein, dass, wie sie erzählen, Landwirte in Frankreich am Ende des Jahres 3300 Euro mehr auf dem Konto haben, nur weil sie billiger tanken können. Da bin ich ganz auf ihrer Seite", so Weiss. "Hier müssen wir so schnell wie möglich zu einer einheitlichen Regelung in der EU kommen." Äußerst kontrovers diskutierte Arnd Cappell-Höpken danach mit seinen Kollegen über die eingebrochenen Milchpreise infolge von Überproduktion und Nachfragekrise.

"Jeder soll sich an Quote halten"

Theo Zerbe (Kamp-Lintfort), Mitglied des Bundesverbandes deutscher Milchviehhalter (BDM), beklagte unter anderem, dass durch die Heraufsetzung der Milchquote Kollegen, die Überproduktionen an die Molkereien liefern, nicht mehr wie früher eine Strafabgabe zahlen müssten. "Wir wollen, dass sich jeder Betrieb an seine erworbene Quote hält und dass am Ende nicht nur die Großbetriebe von der Saldierungsregelung profitieren." Werner Schulte (Wesel-Obrighoven) stimmte seinem Kollegen zu und erklärte, dass viele Betriebe Angst um die Zukunft haben: "Wenn unser Nachwuchs überall liest, dass nur noch Großbetriebe überleben werden, ist das total demotivierend." Sabine Weiss wird sich die Argumente notiert haben.

Wesel Das niederländische Wort "Opstapje", wie der Neukirchener Erziehungsverein sein Frühförderprogramm für Kinder ab 18 Monaten nennt, bedeutet "Schritt für Schritt". Eltern werden stückweise angeleitet, Entwicklungschancen ihres Kindes zu verbessern. Die Wartelisten seien lang, erklärt Opstapje-Koordinatorin Henrike Elsweiler. Zum Programm gehören derzeit drei vierzehntägig stattfindende Spielgruppen für Mutter und Kind, zusätzlich – und daran macht sich der Unterschied zu anderen Krabbelgruppen fest – kommen Vereins-Mitarbeiterinnen einmal wöchentlich für eine Stunde ins Haus, um mit dem Kind in pädagogisch sinnvoller, Fantasie anregender Weise zu spielen.

Betroffene berichten

Auch mal mit Farbkasten und Bilderbuch, statt elektrischem Spielzeug. Gerade diese Einzelbetreuung wird sehr gut angenommen. Nachbereitende Gespräche sensibilisieren Mütter für neue Förderungsmöglichkeiten. Klienten sind häufig Migranten, die verbesserte Startchancen für ihr Kind anstreben, aber auch sehr junge, deutsche Mütter, die nicht so recht wissen, was sie mit ihrem Kind anfangen sollen.

Eine junge Türkin berichtet: "Auf manche Sachen, die so richtig Spaß machen, kommt man einfach nicht. Ich habe inzwischen große Fortschritte bei meinem Sohn bemerkt. Erst wollte er nur Türkisch sprechen. Jetzt, im Kindergarten, hat er keine Probleme mehr mit der deutschen Sprache." Die Gruppentreffen seien stets ein Highlight wegen der vielen Spielsachen. Gelegentlich findet auch mal mit allen zusammen ein Multi-Kulti-Essen beim Erziehungsverein an der Fluthgrafstraße statt. Erst kürzlich zeigte eine größere Spende der türkischen Autorin Hatice Akyün, wie gut Ostapje auch in Migrantenkreisen akzeptiert wird.

Der Erziehungsverein begrüßt, dass die Stadt Wesel die Finanzierung als ihre Pflicht betrachtet; anderswo ist man auf Spenden angewiesen. Neben Opstapje ist eine weitere Maßnahme die Hilfe für Familien, die mit der Erziehung nicht (mehr) zurecht kommen. Das Jugendamt weist zu. Für manche Familien die letzte Chance, eine Heimunterbringung ihres Kind zu vermeiden. Durchschnittlich vier Stunden kommen die Sozialarbeiter ins Haus. Ein 48 jähriger Familienvater, gelernter Gerüstbauer, sagt: "Allein hätte ich es nicht geschafft. Frau Elsweiler hat mich fünf Jahre unterstützt." Er musste den Beruf aufgeben, denn seine Frau ist gehbehindert, das Kind kam mit vielen Behinderungen zur Welt. "Wenn ich anrufe, ist sofort jemand zur Stelle. Auch bei Papierkram helfen sie."

Quelle: RP
 
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