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Serie Die Schönste Radtour
Auf dem Fahrrad um die halbe Welt

Wesel. Um kriminelle Jugendliche wieder auf die rechte Bahn zu bringen, unternimmt Helge Dahmen mit ihnen Radtouren - jeweils über mehrere tausend Kilometer. Schon in seiner Jugend ist der Moerser leidenschaftlich gern und weit geradelt. Von Markus Plüm

Kreis Wesel Für Helge Dahmen begann alles im Alter von 15 Jahren. Spontan machte er sein Fahrrad startbereit und radelte von Moers bis ins niederländische Renesse. 1984 folgte für ihn dann die erste wirkliche Mammut-Tour. Gemeinsam mit Jugendfreunden fuhr er 1500 Kilometer über Frankreich und die Pyrenäen bis nach Nordspanien.

Was als Hobby begann, gehört mittlerweile auch mit zum seinem Beruf. "Grundsätzlich bin ich als Pädagoge tätig, aber um die Jahrtausendwende wollte ich eine neue Lebensphase einläuten und auch mal ins Ausland." Er stieß auf eine ungewöhnliche Stellenausschreibung: Die "Tacheles Jugendhilfe" aus Unna suchte für eine sogenannte individualpädagogische Maßnahme einen Mitarbeiter. Gemeinsam mit einem emotional gestörten Jugendlichen sollte der Bewerber eine Fahrradtour durch Australien unternehmen.

Dahmen überlegte nicht lange, rief in Unna an und bekam den Job: "Zehn Tage später stand ich mit dem Jugendlichen, dem notwendigsten Gepäck und zwei Rädern in Melbourne." Die kurzfristige Abreise zwang ihn zur Improvisation, normalerweise plant er rund vier Wochen Vorbereitungszeit für seine Touren ein. Die Routen müssen geplant, das Rad überholt und die Ausrüstung besorgt werden. Am Ende geht es dann mit maximal 20 Kilogramm Gepäck auf die Reise. "Alles, was mit Technik zu tun hat, lasse ich bewusst zu Hause. Dann kann man sich umso besser auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren", sagt Dahmen.

Dazu gehört auch ein möglichst spartanischer Lebensstil während der Touren. Übernachtet wird im Zelt am Straßenrand, die Verpflegung beschränkt sich auf das Notwendigste. Mindestens 81 Kilometer beträgt die täglich zurückzulegende Wegstrecke. "Das ist meine Maxime, davon wird auch nicht abgewichen. Zumal die Jugendlichen so auch lernen, ihre Grenzen auszutesten und sich selbst besser kennenzulernen." Am Ende kommen so locker mehrere tausend Kilometer zusammen.

Daher stellen die Fahrradtouren auch für die Jugendlichen Extremerfahrungen dar. Sie nehmen unter anderem an den Maßnahmen teil, um ihre kriminellen Energien oder emotionalen Störungen abbauen zu können. "Man kann die Uhr danach stellen: Nach vier Wochen kommen alle an den Punkt, wo sie wieder zurück möchten. Dann braucht es zwei Tage Überzeugungsarbeit", erklärt Dahmen. Sobald diese kritische Phase überstanden sei, würde es aber beinahe automatisch in Richtung Ziel gehen.

Dahmen hat mittlerweile einige Erfahrung in diesen Dingen sammeln können. Denn die Rundreise durch Australien war nicht die einzige Maßnahme, die er für "Tacheles" durchführte. Weitere Touren führten ihn und seine Begleiter über 9650 Kilometer durch Kanada und die USA, zuletzt radelte er 2014 mit einem Jugendlichen zusammen aus Moers in die Türkei. "Die spannendste Reise bis jetzt", berichtet der Extremradler. "Wir sind durch insgesamt 12 Länder gefahren, da ändern sich Land und Leute beinahe täglich."

Der Pädagoge kann sich vorstellen, demnächst wieder in den Sattel zu steigen. "Einmal um die Ostsee herum, das hätte was." Zumal er zugibt: "Natürlich sind diese Touren auch für mich ein Bonbon, aber dafür opfert man auch jede Menge."

Quelle: RP
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