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Serie Hinter Den Kulissen
Auf einen Kaffee im Vesalia der Neuzeit

Serie Hinter Den Kulissen: Auf einen Kaffee im Vesalia der Neuzeit
Annette Fehr (vorn) leitet das Vesalia. Auch im Team: Fehr-Mitarbeiterin Kati Jörg (rechts), Bäckerin Anita Wildförster (l.) und Sozialarbeiterin Britta Oppermann. Aufgebaut hat Spix-Schreiner Georg Werdelmann mit Team. FOTO: Malz
Wesel. Am Montag eröffnet das Spix-Café Vesalia am Bahnhof. In dem Lokal steckt viel Altbewährtes, Möbel und Erfolgsrezepte. Aber auch der Geist der modernen Stadt. Im Rahmen unserer Serie blicken wir hinter die Kulissen von Wesels neuem Kaffeehaus. Von Lisa Kreuzmann

Wesel Frau Fehr hat ein Bild im Kopf. Noch liegt es im Keller. Aber wenn sie davon spricht, kann man es riechen. Das Bild duftet nach Ruhe und Behaglichkeit, unruhigem Treiben und aufgeregtem Geplauder. Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee; Filter, ganz klassisch, bewährt und gut. Die Bohnen kommen von der Marke "Heimbs" - Heißgetränke-Kultur seit 1880. Annette Fehr hat 1960 im Kopf. Wiener Kaffeehaus. "Hier, riechen Sie mal", sagt sie und reicht eine Packung Tee unter die Ladentheke. Ein Installateur schraubt dort am Waschbecken. "Das ist Pflaume. Mh, so gut." Es riecht sehr intensiv, fruchtig, süß und nach Zimt.

Das Café Vesalia eröffnet am Montag in der Dinslakener Straße 5. Betreiber ist das Sozialpsychiatrische Zentrum Wesel und Xanten (Spix). Mehr als 50.000 Euro hat Spix investiert. Eingerahmt von drei Hochhäusern und dem Busbahnhof. Die Adresse sprach Leiterin Annette Fehr nicht sofort an. "Aber schauen Sie doch mal", sagt die Gastronomin und breitet die Arme aus, "wenn man hier drin steht, wie toll das ist! Man ist mittendrin und trotzdem ein bisschen zurück, und das mögen die Leute!"

Die Anstreicherin kommt gleich. Neben der Kuchentheke wird bald auch eine antike Sitzbank stehen, ein Erbstück von Annette Fehr. Auch die Deckenlampe im Eingangsbereich hat schon andere Zeiten gesehen. "Haushaltsauflösung", sagt Annette Fehr, "die hing mal in einem Schlafzimmer."

Das Café Vesalia ist eine Symbiose aus altem und neuem Wesel. Ein traditionelles Kaffeehaus nach dem Vorbild der 60er Jahre, eingebettet in die Hochhäuserlandschaft der 70er, bestückt mit Design-Klassikern der Gründerzeit und Gästebetrieb zwischen Rhabarbersaftschorle und Blechkuchen. "Das Café Vesalia soll eine Anlaufstelle sein", sagt Annette Fehr, "ein schöner Ort, wo man Zeitung lesen und sein kann."

Mit Annette Fehr als Leiterin zieht auch ein Stück Alt-Weseler Kaffeekultur ein. Kaffeemaschine, Stühle und Tische, Geschirr und Serviertabletts sind Relikte aus der Zeit, in der das Café Fehr an der Pastor-Janßen-Straße die Anlaufstelle für alle Generationen war. "Aber", sagt Annette Fehr mit einer Mischung aus liebevoller Freude darüber, was war, und Vorfreude darauf, was kommt, "das hier ist etwas ganz Neues!"

Auf dem Bild, das im Keller liegt, ist der Kaiserplatz zu sehen, eine Fotografie in schwarz-weiß, ein Einblick aus der Vogelperspektive. Ein kleines Orchester spielt, am Holzzaun ranken Blumen, die Menschen sitzen an runden Tischen und trinken Kaffee. Wuselig und ein wenig nostalgisch. So stellt sich Annette Fehr auch das Leben im und um das Café Vesalia vor. Spix-Geschäftsführer Jo Becker hatte die Idee, alte Fotos im Café aufzuhängen. "Alles mit Stil", sagt Annette Fehr. Aber, das war den Bauherren wichtig, Café Vesalia soll sich ins neue Stadtbild einfügen und nicht nur aus anderen Zeiten schwärmen. Die Ornament-Tapete hinter der selbstgezimmerten Eckbank nimmt die Farben der Fliesenverkleidung der Hausnummer 5 auf. "Wir wollten den Spagat zwischen Wiener Kaffeehaus und der Umgebung schaffen", sagt Annette Fehr. Dass sie nun doch noch einmal ein Café leitet, macht sie glücklich. "Es ist einfach besonders, in ein Café zu gehen, wo die Alten neben den Jungen sitzen, am Nachbartisch mithören, voneinander lernen und Neues aufschnappen."

Wechselnde Kuchen- und Tortenangebote wird es geben. Inspiration dafür war auch Spix-Hauswirtschafterin Anita Wildförster (29), die "einfach immer superguten Kuchen" gebacken habe, sagt Annette Fehr. Zusammen mit sechs Mitarbeitern, die vom Sozialpsychiatrischen Zentrum betreut werden, wird die junge Frau die Küche übernehmen. Auch Frühstück und belegte Brötchen stehen auf der Speisekarte. Vesalia 4: Hausgemachter Hefezopf, Räucherlachs, Rührei, Orangensaft, Quark mit Früchten, dazu Kaffee oder Tee, kostet sechs Euro. Ein bisschen mehr Fehr ist dann aber doch noch drin: Die Toskanische Schokotorte, die schon die Fehrschen Stammgäste hat dahinschmelzen lassen, steht auch im Vesalia in der Vitrine.

Quelle: RP
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