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Wesel
Auf Erzieherinnen kommt viel Arbeit zu

Wesel: Auf Erzieherinnen kommt viel Arbeit zu
FOTO: Malz Ekkehart
Wesel. Die Zahl der Kinder aus Flüchtlingsfamilien in Weseler Tageseinrichtungen steigt. Experten befürchten, dass viele der Mädchen und Jungen aus Kriegsgebieten traumatisiert sind. Weiter- und Fortbildung des Personals ist deshalb nötig. Von Klaus Nikolei

Andrea Brinkmann ist weiß Gott niemand, der Dinge unnötig aufbauscht. Doch wenn ihr etwas wirklich wichtig ist, dann nimmt sie auch kein Blatt vor den Mund. So wie jüngst während der Sitzung des Jugendhilfeausschusses, dessen Mitglied die ehemalige Leiterin des Familienzentrums Sonnenburg in Lackhausen seit vielen Jahren ist.

Andrea Brinkmann sieht ein großes Problem darin, dass Erzieherinnen bislang nicht oder nur unzureichend auf den Umgang mit Flüchtlingskindern vorbereitet sind. "Diese Kinder können nicht so einfach mitlaufen, das geht einfach nicht. Sonst stehen uns demnächst noch größere Probleme ins Haus. Und zwar dahingehend, dass es mit der Integration nicht funktioniert. Mit den allseits bekannten oder vielleicht auch noch nicht bekannten Auswirkungen", sagte sie im Ausschuss und forderte Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe, damit die Erzieherinnen bei ohnehin schon knappen Zeitbudgets nicht noch lange fahren müssen.

Doch was genau kommt da auf die Erzieherinnen zu? Und mit welchen Problemen werden sie künftig noch stärker als bislang konfrontiert? Die RP wollte es genau wissen und hakte nach bei Andrea Brinkmann. "Natürlich kennen sich Erzieherinnen mit Migrantenkindern aus. Aber bei den Flüchtlingskindern haben wir eine ganz andere Situation, auch rechtlich gesehen." Erzieherinnen müssten deshalb unbedingt auch über ein gewisses Behördenwissen verfügen und beispielsweise wissen, wie man mit dem Status von Flüchtlingen umgeht. Zudem müsse man den Fachkräften dort zur Seite stehen, wo jedes Flüchtlingskind sein Päckchen - Stichworte: Gewalt, Trennung - zu tragen habe. "Die Erzieherinnen müssen wissen, wie sich Kinder mit dem Erlebten auseinandersetzen, wie sich ihre Angst bemerkbar machen kann und was bei einer Traumatisierung sinnvoll zu tun ist. Deshalb brauchen wir Fortbildungen, in denen genau dieses Handwerkszeug vermittelt wird", ist Andrea Brinkmann überzeugt. Schlecht sei es auch, wenn besorgte Eltern künftig in Tagesstätten kämen und beispielsweise Fragen stellen würden, ob denn Flüchtlingskinder geimpft seien oder womöglich ansteckende Krankheiten hätten und die Erzieherin gestehen müsste, von diesen Problemen noch nie etwas gehört zu haben. "Im gesamtgesellschaftlichen Interesse müssen wir uns fragen, was wir tun können, um diese Herausforderungen kurzfristig und pragmatisch zu meistern. Besser als tausend gute Vorsätze ist eine kleine Tat. Und eine interdisziplinäre Fortbildung wäre so eine Tat."

Vor allem in den Innenstadt-Kindergärten - hier ein Bild von der Eröffnung der Kita am Brüner-Tor-Platz - werden verstärkt Flüchtlingskinder betreut. FOTO: Malz

Die Anregungen von Andrea Brinkmann werden in den nächsten Wochen im Weseler Arbeitskreis "Kindertagesbetreuung" diskutiert. Davon geht jedenfalls Fachbereichsleiterin Ila Brix-Leusmann vom Weseler Jugendamt aus. Sie ist zuversichtlich, dass es schon bald entsprechende Fortbildungen geben wird. "Denn wir haben schon Schulungen für Mitarbeiter der Offenen Ganztagsschulen durchgeführt, die keine Erzieherausbildung haben und die schon längere Zeit mit Flüchtlingskindern arbeiten", betont Brix-Leusmann.

Den Forderungen von Andrea Brinkmann schließt sich übrigens auch Dr. Ullrich Raupp an. Er ist Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) des Marien-Hospitals und ebenfalls Mitglied des Jugendhilfeausschusses. Die Zahl der Flüchtlinge in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz, die über Symptome wie erhebliche Schlafstörungen, Alpträume und Erinnerungen an Grausamkeiten leiden, steige stetig, so Dr. Raupp. Erst kürzlich war er auf einem Fachkongress in Hamburg, wo genau über das Thema der Erzieherinnen-Weiterbildung gesprochen wurde. "Das Personal muss", so Dr. Raupp, "auf Situationen vorbereitet werden, in denen Kinder resigniert einfach dasitzen oder mit dem Kopf gegen die Wand hauen und wie sie mit den Eltern dieser Kinder umgehen." Denn traumatisierte Eltern könnten nicht mehr so wie normale Eltern funktionieren. Deshalb hätten deren Kinder ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen.

Quelle: RP
 
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