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Hamminkeln
Bauer übt den Aufstand

Hamminkeln: Bauer übt den Aufstand
Sohn Steffen (17) hat es nicht auf das Bild geschafft. Ansonsten ist die Bauernfamilie Krebbing vollständig. Mit (v.l.) Tochter Jessica (20), Mutter Christa Krebbing (47), Vater Wilhelm Krebbing (53), Tochter Franziska (18) und Oma Leni. FOTO: Malz Ekkehart
Hamminkeln. Regionale Produkte liegen im Trend. Nur bei den Landwirten scheint das nicht anzukommen. Milchbauer Wilhelm Krebbing aus Mehrhoog kämpft mit schlechten Preisen und gesunkener Wertschätzung. Das Hochwasser im Sommer war da nur die Spitze. Und jetzt reicht es ihm. Von Lisa Kreuzmann

Bauer Krebbing hat an diesem Tag Geburtstag. An die große Glocke hängen möchte er das aber nicht. Das würde auch nicht zu ihm passen. Denn es geht nicht um ihn, sondern um seine Kühe. Wie jeden Tag. Wenn Wilhelm Krebbing am Abend auf die Weide schaut und die Herde friedlich vor sich hin mampfen sieht, ist das Grund genug zur Freude. "Das ist mein Luxus", sagt der Landwirt.

Ehefrau Christa wird den Ehrentag später im Kuhstall preisgeben. Mit besten Absichten, denn Wilhelm und Christa Krebbing sind ein Team. Seine Frau sei genauso verrückt wie er, sagt der Bauer. "Wenn wir Geld verdienen hätten wollen, müssten wir den Hof besser heute als morgen zumachen", sagt der Milchbauer. Landwirtschaft, das sei heute vor allem nur noch ein Hobby.

Das Hochwasser hat dem Mais sichtlich geschadet. FOTO: Malz Ekkehart

Den Bauern geht es schlecht. Aber warum? Schließlich sind es längst nicht mehr nur die Genügsamen und Verantwortungsbewussten, die Wert auf natürliche und regionale Produkte legen. In den Großstädten gehört das Zurück zur Natur zum guten Ton. Viele Urbanisten wollen gerne für gute Lebensmittel mehr Geld ausgeben. Nur bei den Bauern scheint das nicht anzukommen.

Wenn es nur das Geld wäre. Noch viel mehr beschäftigt den 53-jährigen Milchbauern aus Mehrhoog etwas Grundsätzliches: Ein Bauer werde heute nicht mehr wertgeschätzt. Schlimmer noch: "Der Bauer ist immer schuld", sagt Wilhelm Krebbing. Am Nitrat im Grundwasser, an Antibiotikarückständen im Fleisch, an unfruchtbaren Böden - ein Landwirt sei Tierquäler und Umweltsünder zugleich. Und Wilhelm Krebbing ärgert das nicht nur, er versteht es auch einfach nicht. Und das quält ihn.

Die Hochleistungs-Kühe (sie geben mehr als 32 Liter Milch am Tag) stehen bei Bauer Krebbing meistens im Stall. Das sei aber auch völlig in Ordnung so, sagt der Landwirt. Im Stall gehe es ihnen genauso gut wie auf der Weide. "Sie haben Bewegung, Fressen, Wasser und Luft". Das Bild vom armen Stall-Tier ärgert ihn. "Die Leute denken dann immer nur: Massentierhaltung", sagt Krebbing. FOTO: Ekkehart Malz (3)

"Ich habe diesen Beruf gelernt, ich habe den Hof von meinem Vater übernommen, bin mit der Landwirtschaft aufgewachsen", sagt Wilhelm Krebbing. "Die Kühe kommen bei uns immer an erster Stelle. Andere fahren gerne Mähdrescher - ich habe es mit Kühen." Wer ihn kennenlernt, weiß, Wilhelm Krebbing liebt, was er tut. Mehr noch, er ist auf Mission: das schlechte Bild der Landwirte wieder gerade zu rücken.

Die niedrigen Milchpreise zwingen die Milchbauern seit Monaten in die Knie. 21 Cent bekommt Bauer Krebbing aktuell für einen Liter Milch. Zwischen 30 und 40 Cent, wären kostendeckend, sagt er. In den Urlaub fahren die Krebbings nie. Letztens haben sie eine "Bildungsreise" nach Magdeburg gemacht, um eine ehemalige Hof-Praktikantin in ihrer neuen Arbeitsumgebung zu besuchen. Drei Tage waren das. Urlaub ist anders.

Und dann kam auch noch das Hochwasser. Bauer Krebbing hat es besonders schwer getroffen. Die Hälfte seiner Betriebsfläche stand unter Wasser. Einige Tümpelreste auf den Weiden lassen das noch knapp drei Monate später erahnen. Noch nicht alle seiner Rinder können auf die Weiden. Für die Krebbings bedeutet das, die Hälfte der Wiesen-Ernte verloren zu haben. Beim Mais sehe es ähnlich schlecht aus.

Derzeit rechnet Bauer Krebbing mit einem Schaden von 70.000 Euro. Aber was im nächsten Jahr ist, wenn der Winter hart wird, die Wiesen nicht nachwachsen, und die Reserven aufgebraucht sind, will er sich nicht ausmalen. Schon jetzt muss er Futtermittel hinzukaufen.

"Es gibt da einen Spruch", erzählt Christa Krebbing. Sie nimmt ihr Smartphone aus der Hosentasche, der Bildschirm ist ziemlich zerkratzt. Gegenüber richtet sich eine Kuh Wirbel für Wirbel entlang der Massage-Bürste aus. "Wir machen alles für unsere Tiere", sagt Wilhelm Krebbing. Der Spruch: "Landwirtschaft, das ist die Kunst Geld zu verlieren, während man 400 Stunden pro Monat arbeitet, um Menschen zu ernähren, die denken, dass man sie vergiften will." Die beiden grinsen. Bauern-Zynismus. Am nächsten Tag geht es weiter. Arbeiten von früh bis "die Tagesschau haben wir schon länger nicht mehr gesehen". Weit unter Mindestlohn, versteht sich.

In der Nacht hat eine Kuh gekalbt. Christa und Wilhelm Krebbing haben sich den Wecker gestellt. Erst auf zwei Uhr, dann auf halb drei und um drei war das Kalb da. Im Bett waren die Krebbings gegen Mitternacht. Bis dahin musste noch Büroarbeit erledigt werden. Die vielen Vorschriften aus Politik und Industrie ärgern den Landwirt. "97 Prozent wissen, wie Landwirtschaft gemacht wird, drei Prozent machen sie", Bauer Krebbing hat viele solcher Sprüche auf Lager.

Es arbeitet in ihm. Die Lebensmittelmärkte sind bei ihm ohnehin unten durch. "Jetzt will Lidl gentechnik-freie Milch", erzählt der Landwirt. Beim Verbraucher käme das gut an. Für Bauer Krebbing bedeutet es, Soja-Schrot durch Raps-Schrot ersetzen zu müssen. Der Mehraufwand soll mit zusätzlichen 0,75 Cent pro Liter entlohnt werden. Kostendeckend wäre das Doppelte, sagt Bauer Krebbing. "Alle wollen immer noch ein Schüppchen oben drauf legen, aber niemand will das bezahlen", ärgert sich der Hamminkelner. Noch so ein Spruch: "Wir lieben Lebensmittel, aber keine Landwirte." Der Seitenhieb geht an eine andere Supermarktkette.

Wilhelm Krebbing betreibt konventionelle Landwirtschaft. Bio würde in seinem Betrieb aufgrund der Maiswirtschaft nicht funktionieren. Denn beim Mais müsse man auch Pflanzenschutzmitteln einsetzen. Seine Milch schmecke aber natürlich genau so gut wie eine Bio-Milch. 170 Holstein-Rinder leben auf dem Overdickshof in Mehrhoog. Seit 40 Jahren setzt sich die Herde nur aus der eigenen Zucht zusammen, erzählt Christa Krebbing. Bis Tochter Jessica ein Praktikum auf einer Farm in Irland gemacht hat. Jetzt leben auf dem Overdickshof auch vier Jersey-Rinder. "Ertragreich ist das nicht", sagt Vater Krebbing. "Aber gut - Hobby."

Tochter Jessica möchte den Betrieb einmal übernehmen. Die 20-Jährige guckt gerne "Bauer sucht Frau" im Privatsender RTL und läuft mit einem Schrittzähler über den Hof. 20 Kilometer seien es an einem Tag schon mal. Sie schwärmt von einem Melkroboter. Noch melken die Krebbings in Handarbeit: Kühe eintreiben, Euter säubern, Milch testen, Saugglocken andocken, Dankeschön sagen.

Bauer Krebbing führt eine Liste: "Wenn die Milch mal 40 Cent kostet", heißt sie. Dann käme er auf eine Investitionssumme von 250.000 Euro, die er gerne in den Hof stecken würde. "Von uns hängt eine ganze Industrie ab", sagt Wilhelm Krebbing. Ein neuer Trecker müsste bald mal her, die Hofeinfahrt neu gemacht werden, die Stallgitter gingen gerade noch.

Die Krebbings denken an die nächste Generation. Was sich Christa und Wilhelm Krebbing für sie vor allem wünschen, ist mehr Vertrauen. Die Arbeit der Landwirte müsse wieder mehr wertgeschätzt werden. "Uns braucht ihr wirklich", sagt Wilhelm Krebbing. Und so will er sich auch behandelt wissen.

Quelle: RP
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