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Wesel
Beseelte Klang-Erzählungen geben Klaviersommer Farbe und Gewicht

Wesel. Das Programm des zweiten diesjährigen Klaviersommer-Konzerts am Sonntag zeigte es schon: Nicht von der möglichen Virtuosität wurde es beherrscht; die ersten Takte auf dem Klavier bestätigten es bereits. Der junge polnische Pianist Adam Gozdziewski spielte beseelt aus innerer Ausdruckskraft. Von Hanne Buschmann

Mit bemerkenswerter Reife näherte er sich Mozarts Rondo in a-Moll, KV 511, einem Werk, das 1787, vier Jahre vor dem Tod des Komponisten 1791 entstand und deutlich von der Tragik im menschlichen Leben bestimmt ist. Die Hörer in der Musikschul-Aula folgten gebannt dieser Klang-Erzählung, die mit zarten Tönen das Staunen schildert über die Welt, deren strahlende Schönheit von der Gegenwart des Todes überschattet wird, damit sie überhaupt fassbar werde. Gut, dass gerade auch an jenem heiteren Sonnentag an das zwiefache Gesicht der Existenz erinnert wurde, gut, dass es in Mozarts bejahender Zusammenfassung entfaltet wurde.

Auch in Chopins Klaviersonate Nr. 2 b-Moll, op. 35, legte der Pianist ähnliche Strukturen frei. Das erregende Grave gewann immer mehr Farbe, hielt auch mal besinnlich inne. Im Scherzo wechselten scharfe Kontraste, bis diese sich im schweren Schritt-Rhythmus eines Trauermarsches auflösten. In dessen Melancholie erinnerte hin und wieder leiser Gesang an helles Leben. Dieses strömte dann im Finale kraft- und trostreich weiter, mit flinken, aber behutsam regierenden Fingern zum Klingen gebracht.

Ein Trauermarsch auch in Beethovens Klaviersonate Nr. 12 in As-Dur, op. 26 - die alles bestimmende Schlüssel-Erfahrung im menschlichen Dasein. Im dritten Satz der Sonate, die formal der Viersätzigkeit gehorcht, aber in der Logik des Erlebens schildert. Im Andante con Variazioni schon die raum- und welterfassende Bewegung des Geistes in purem, aber nicht leicht hingeworfenem Wohlklang, forschend und sinnend. Im Scherzo bricht Fröhlichkeit auf, durch wissenden Geist gezügelt. Unentrinnbar die Gegenwart des Todes, dessen Gleichzeitigkeit dargestellt ist in zeitlicher Folge: im dritten Satz "Marcia Funèbre". Auch hier der schwere Schritt. Dem folgt im Allegro neue Bewegung, die sich zum Glück im Hier und Jetzt bekennt - zur Zusammenschau des Ganzen wie es alte Mythen lehren.

Ein prächtiges Klangbild stellte Chopins op. 22 mit der rauschenden Grande Polonaise brillante nach dem einladenden Andante dar. Ein fast betörendes Fest und eine überzeugende Zusammenbindung in glänzenden melodischen Läufen. Diesen galt ein Bravo-Ruf, der lange Applaus dem denkenden jungen Pianisten. Natürlich Zugabe.

Quelle: RP
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