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Wesel
Biennale startet mit einer Lektion über Musik

Wesel. Pro Musica Bislich bot mit dem Minguet-Quartett in der Johannes-Kirche zum Thema "Morgen" ein besonderes Erlebnis. Von Hanne Buschmann

Das Weseler Auftaktkonzert der grenzüberschreitenden Muziek Biennale Niederrhein 2016, Thema "Morgen", am Sonntag in der St. Johannes-Kirche in Bislich. Mehr als ein Erfolg: eine glücklich konzipierte Lektion über Musik, deren Rang sich nach geistigem Gehalt bemisst, nicht nach der Statistik der Besucherrekorde. Es gibt genug Kundige und Wissbegierige. Der Mit-Initiator Wolfgang Kostujak von der Folkwang-Universität Essen stellte den Hörern das Minguet-Quartett vor, das längst zu Weltruhm gekommen ist. Es spielte also einen musikalisch genauen wie verständlichen Leitfaden für die Binsenwahrheit, dass gute Musik - der Klang der Wahrheit und Schönheit - unabhängig von dessen Entstehungs-Alter, erhört wird. Freilich wenn die Angesprochenen sich öffnen, zumindest im Laufe des Konzertierens.

Zuerst Haydns Streichquartett op. 76, Nr. 4, dessen erster Satz "Sonnenaufgang" benannt ist. In einem Dunkel erwachte das Licht, ein heller Klang stieg auf und begann in weiten Schwüngen zu tanzen. Ein frischer Atem ergriff die Welt und ertüchtigte sie, eine neue Sprache zu sprechen. Das Adagio besang das Leben, der dritte Satz beschrieb den Sieg des Lichts, der im flirrenden finalen Rondo gefeiert wurde. Anmutungen höfischer Eleganz waren mitunter noch spürbar, aber der Umbruch zum individuellen Menschsein ist hier vollzogen. Jeder Anwesende wird seine eigene Klang-Erzählung gehört haben. Das erfreut besonders an der Musik. Das Ensemble - Primgeiger Ulrich Isfort, Annette Riesinger, 2. Violine, Aroa Sorin, Viola, Matthias Diener, Violoncello - überzeugte mit seiner geistigen Haltung und seiner darstellerischen Kompetenz.

Mit Anton Weberns Sechs Bagatellen op. 9 aus dem Jahr 1913 tropften oder stürzten je nach inhaltlicher Aufladung äußerst verknappte Tongebilde in den Raum: Laute des Erforschens, Staunens, Unwillens oder Bejahens, der Andeutungen, auch der Versagungen. Auf einen Punkt zentriert war alles. Erziehung zum disziplinierten Hören war es auch. Also wurde das nahtlos folgende schwierige Durchschreiten seltsam chaotischer Räume, das im Überwinden kleinteiliger, schartiger Tagesgeläufigkeit und Ineinanderordnen natürlicher Gegensätze mündete, von etlichen Hörern nicht sogleich als Beethovens Große Fuge op. 133 erkannt. Wohl aber unzweifelhaft dessen Modernität. Besser als gesprochene Erklärungen durch die Klangrede selbst verdeutlicht zum unvergesslichen Verinnerlichen. Die Interpreten vertrauten der Aufnahme- und Erkenntnisfähigkeit der Lauschenden. Die eigentliche große Schlussfuge war vom Atem der Schöpfung durchdrungen, wahrnehmbar in der Schönheit des Klanges. Und die war weiterhin hörbar, etwas glatter nun, auch etwas eingängiger, gar ein wenig romantisch? Ohne Zäsur hatten die Musiker Schumanns Streichquartett op. 41, 3 angestimmt, einen melodischen Reigen von liedähnlichen Schilderungen. Deren finales fulminantes Rondo schwang natürlich leicht in die Welt hinaus.

Schweigen der Hörer, zuerst wohl eher perplex, dann sicher von etlichen gewollt, denn ein besseres Lob für Künstler gibt es nicht. Von den Letzten, die gingen, noch Händeklatschen. Die Künstler hatten alles sehr wohl begriffen. Leider konnten sie nicht zum Feiern bleiben. Ihre Kinder, die sie dabei hatten, mussten anderntags in die Schule. Die Veranstalter von Pro Musica Bislich hatten Verständnis dafür.

Quelle: RP
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