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Wesel
Cafe Fehr - das Ende einer Institution

Wesel: Cafe Fehr - das Ende einer Institution
Zum 25-jährigen Bestehen der Fußgängerzone Wesel schuf Uli Fehr diese Torte, Gisela Hunck schnitt sie an. FOTO: Malz, Ekkehart (ema)
Wesel. Ende 2015 schließt das Traditionscafe, das die beiden Sympathieträger Annette und Uli Fehr betreiben. Es ist seit über 37 Jahren eine feste Größe zwischen Hospital und Himmelfahrt-Kirche. Die Zukunft der gefragten Immobilie ist ungewiss. Von Thomas Hesse

Uli Fehr ist Konditormeister aus voller Überzeugung. Wer Qualität und beste Zutaten will, kehrt im Cafe Fehr ein oder nimmt die süßen Kreationen direkt mit. Seine Ehefrau Annette Fehr ist die Seele des Cafe, das seit mehr als 37 Jahren und von Anfang an ein ungewöhnlicher Anlaufpunkt war und ist. Denn die beiden Sympathieträger aus Wesels Innenstadt verbreiten freundliche bis freundschaftliche Atmosphäre in ihrem etwas altbacken wirkenden und gerade deshalb unvergleichlichen Treffpunkt. Mit vielen Gästen sind sie per Du. Etliche Gruppierungen vom Frauenchor '68 bis zum Thekenchor, den die verstorbene RP-Fotografin und Glossenschreiberin Karin Koster einst initiierte, vom Sparclub bis zur Doko-Runde haben sich hier lange heimisch gefühlt oder fühlen sich noch heimisch. Ganz zu schweigen von den legendären Fehr-Donnerstagen, als sich Wesels junge Leute hier trafen und Scharen von Schülern sogar den gegenüberliegenden Kirchplatz füllten, und den Marien-Hospital-Patienten, die bis heute im gemütlichen Cafe ihre Therapien bei Kaffee und Kuchen auf eigene Art interpretieren. Das alles ist am 31. Dezember 2015 vorbei.

Die Fehrs haben sich im Entscheidungsprozess zusammen mit ihren Mitarbeitern für das Ende einer Institution entschlossen. Was dann aus der Immobilie wird, über deren Erwerb als Lückenschluss das Marien-Hospital jahrzehntelang erfolglos verhandelte, ist eine interessante Frage. Eine Antwort darauf gibt es bisher nicht. Klar ist nur, dass wohl kein Cafe folgen wird. Das Fehr wäre sowieso nicht kopierbar. "Wir haben lange überlegt, aber eine Fortführung macht keinen Sinn", sagt Annette Fehr (53). Der Pachtvertrag läuft Ende des Jahres aus, dann ist Uli Fehr 65. Eine Option auf Verlängerung wurde nicht gezogen.

Viele Menschen in Wesel bedauern sehr, dass Annette und Uli Fehr in einem halben Jahr schließen. "Bis dahin wollen wir nur noch feiern", sagen die Fehrs. FOTO: Malz

Schon einige Zeit wurde über die Zukunft des Cafes spekuliert, doch erst wollten die Besitzer mit ihren Angestellten (vier feste, acht Aushilfen) überein kommen und sie informieren. "Bei uns geht es partnerschaftlich zu", sagt dazu Uli Fehr, der froh ist, dass zum Beispiel sein langjähriger Konditor Klaus Werner demnächst sein Können im Waldhotel Tannenhäuschen zeigt.

Seit Kurzem ist der Beschluss zum Schließen öffentlich bekannt und das Bedauern groß. "Manche fragen sogar: Wo sollen wir denn jetzt hingehen?", erzählt Annette Fehr, die eine gewisse Rührung nicht verbirgt. Das Cafe ist ihre Herzenssache. Schließlich arbeitet sie seit 26 Jahren dort mit. Zusammen mit ihrem Mann hat sie auch gerne Kultur ins Cafe gebracht, Ausstellungen oder Konzerte mit der Vereinigung Weseler Musiker organisiert. Beide gaben dem Cafe auch eine persönliche Note, weil sie hier Kontakte zu Freunden, die als Gäste kamen, hielten oder neue Kontakte knüpften. Wie sehr das Fehr ein erinnernswertes Stück Wesel ist, machte ihr kürzlich ein Besucher aus Frankfurt, heute Professor an der dortigen Uni, klar. "Er saß mit seiner Frau am Cafetisch, erzählte von seiner Schulzeit und meinte: Meine schönste Erinnerung an Wesel ist das Fehr."

Dass es so kommen würde, hatte sich der 13-jährige Uli nicht träumen lassen, als er in diesem zarten Alter seine Lehre beim berühmten Konditor Heinemann an dessen Stammsitz Mönchengladbach begann. Der Mann mit dem Schnäuzer - den hat er seit seinem 17. Lebensjahr nie abrasiert - lernte begierig und fröhnte beruflich seinem Hang zum Süßen. "Bis heute esse ich jeden Tag mindestens ein Stück Torte", sagt er lachend. Bei Heinemann verinnerlichte er, wie toskanische Fächer- oder Herrentorte nach alter Konditorkunst hergestellt werden.

Einer seiner Kunden war Gladbachs Fußballeridol Günter Netzer. Der fuhr mit seinem Ferrari bei Heinemann regelmäßig vor und verlangte sportlich frischgepressten Orangensaft. Uli Fehr musste ran, denn "die Serviererinnen waren alle durcheinander, wenn Netzer kam".

Der spätere Konditor- und Bäckermeister ging von Mönchengladbach nach Wesel, arbeitete im Cafe Nanz, dann in Dinslaken, bis sich 1978 die Gelegenheit ergab, das damalige Cafe Lode am Hospital zu übernehmen. Zusammen mit Christel Schilling, die heute noch im Cafe arbeitete, startete er durch. Lange ist's her, und in Erinnerung bleiben viele gute Stunden. "Wir haben gesagt, jetzt feiern wir nur noch, bis wir schließen", schiebt Annette Fehr eine gewisse Melancholie beiseite.

Quelle: RP
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