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Wesel
Camper wollen Weseler werden

Wesel: Camper wollen Weseler werden
Susanne Reichstein am Eingang ihres Chalets FOTO: Fritz Schubert
Wesel. Die SPD greift eine Gesetzesänderung auf, um einen Wunsch von Bewohnern der Grav-Insel zu erfüllen: Rechtssicherheit für den Erstwohnsitz auf dem Campingplatz per Bebauungsplan. Von Fritz Schubert

Wenn Susanne Reichstein (49) spät abends mit ihren Hunden vor die Tür muss, ist sie vollkommen entspannt und angstfrei. Früher, in Bottrop, war das anders, beklemmender. Vorbei. Die Eigentumswohnung ist verkauft. Mit ihrem Mann Michael (49) und den Dackeln lebt sie seit 2015 auf der Grav-Insel. Nah an der Natur in einem Chalet mit allem Komfort und Security rund um die Uhr. Sie fragt sich nur, ob sie das auch alles so darf. Denn eigentlich haben die Oberbehörden was dagegen, wenn Zuzügler auf dem gewaltigen Campingplatz bei Flüren, auf dem an einem Spitzentag 35.000 Menschen übernachten, ihren ersten Wohnsitz nehmen. Die Weseler SPD hat nun die Initiative für eine Legalisierung ergriffen und beantragt die Aufstellung eines Bebauungsplans für die Anlage. Möglich macht dies eine Gesetzesänderung vom Mai.

SPD-Fraktionsvorsitzender Ludger Hovest stellte mit seinen Flürener Parteifreunden Wolfgang Hänel und Patrick te Paß sowie Campingplatz-Chef Frank Seibt, Susanne Reichstein und ihrer Mitstreiterin Heidi Hegel das Anliegen vor. Das ist weder neu noch unerprobt. Schon Anfang der 90er Jahre hatte die Stadt auf der Grav-Insel unter Dauercampern dafür geworben, ihren ersten Wohnsitz in Wesel anzumelden und ein eigenes Büro auf dem Eiland dafür unterhalten. Gut 400 Menschen taten dies, was zu der Zeit 1000 Mark pro Kopf und Jahr an Mehreinnahmen für die Stadt bedeutete. Schlüsselzuweisungen und ähnliche Zahlungen hängen von der Einwohnerzahl einer Kommune ab.

Wer auf diesem Weg Weseler werden wollte, der konnte das aber nur bis zu besagten Reaktionen der Oberbehörden. Die Rechtmäßigkeit der Praxis stand in Frage, Neuanmeldungen wurden untersagt. Nun aber gibt es die Gesetzesänderung des Bundes. Die SPD sieht für die Auflage Bebauungsplan kein Hindernis.

Hovest listete gestern auf, was die Grav-Insel "als kleine Stadt" alles zu bieten hat: Hochwassersicherheit durch die Eindeichung gehört ebenso dazu wie längst geklärte Abwasserfragen, ferner Versorgung durch ein Geschäft, die Sparkasse und Erste Hilfe. Strom ist da und W-Lan auch, Glasfaser folgt. "Ein Rundum-sorglos-Paket", sagte Hovest, der von Vertretern anderer Parteien im Rat auch schon Unterstützung signalisiert bekommen haben will. Vorbehalte hat er auch vernommen. Etwa Fragen nach Kindergarten oder Schule für den "Stadtteil". Die wischt der SPD-Chef beiseite, sei doch im nahen Flüren alles da. Außerdem gehe es weniger um junge Familien, als vielmehr um Camper im gesetzteren Alter mit hausähnlichem kleinen Chalet auf eigener Parzelle. Aktuell geht es um jene etwa 400 Leute, die bereits ihren Erstwohnsitz auf der Grav-Insel hatten und denen derzeit ein Bleiberecht zugestanden worden ist. Außerdem sollen mit der Legalisierung Neuanmeldungen möglich werden. Frank Seibt spricht von zehn bis 20 Anfragen pro Jahr. Hovest bemüht auch Wesels Ehrennamen Vesalia hospitalis, um Zuzugswilligen zu sagen: "Wir wollen euch haben!"

Auch für Flüren, das an Veralterung leide, sieht die SPD positive Auswirkungen. "Ein Musterbeispiel für Nachbarschaft", sagte Patrick te Paß zur Initiative von Reichstein und Hegel, die einen Ü 50-Treff eingerichtet haben. An dem kann auch jeder Nicht-Insulaner teilnehmen, wird per Shuttle-Bus auch abgeholt. Ab November, so Heidi Hegel (63), werde es zudem einen Single-Treff geben. Ebenfalls nicht nur für einsame Überwinterer der Insel.

Bis der Bebauungsplan steht und alle nötigen Stellen beteiligt worden sind, dürften zwei bis drei Jahre ins Land gehen. Doch dann herrscht Rechtssicherheit.

Quelle: RP
 
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