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Wesel
Christel Neudeck: "Rupert ist bei mir"

Wesel: Christel Neudeck: "Rupert ist bei mir"
Neudeck bei der Interreligiösen Wallfahrt in Kevelaer FOTO: Latzel
Wesel. Christel Neudeck, Mitgründerin des Hilfswerks Cap Anamur, spricht morgen in Wesel über Herausforderungen der Flüchtlingshilfe. Von Fritz Schubert

Klangvolle Namen haben bei den Neujahrsempfängen der Weseler SPD Tradition. Meist weiß man unmittelbar etwas mit deren Trägern anzufangen. Auch der Name Neudeck ruft schnell Bilder hervor. Erinnerungen an TV-Berichte über einen Mann mit Bart, der Vietnamesen aus kleinen Nussschalen auf sein sicheres weißes Schiff holt: Die "Cap Anamur" ist untrennbar mit Rupert Neudeck (1939-2016) verbunden. Über seine Frau ist gemeinhin weniger bekannt. Dass sie aber sehr wohl was zu sagen hat, wird Christel Neudeck (75) morgen in der Aula der Musik- und Kunstschule beweisen. Sie ist Festrednerin des SPD-Empfangs, der um 11 Uhr beginnt. Und sie freut sich darauf. "Es tut auch mir gut, weil Rupert dann irgendwie bei mir ist", sagt Neudeck.

Der Auftritt in Wesel wird für sie ein kleines Heimspiel, denn Christel Neudeck, geborene Schänzer, stammt aus Dinslaken. In Eppinghoven wuchs sie auf - "mit der Natur". Direkt am Rhein, neben dem Ausflugslokal Brinkmann (Haus Stapp) stand ihr Elternhaus. "Eltern" stimmt nicht ganz. Acht Tage nach ihrer Geburt fiel ihr Vater in Stalingrad. Ihre Mutter mühte sich, allen drei Kindern das Erlernen eines Berufs zu ermöglichen. "Sie hat es geschafft", sagt Christel Neudeck anerkennend und bezeichnet ihre Kindheitstage als "sehr katholisch, heute würde man sagen: kleinbürgerlich. In einem sehr festen Rahmen." Die Volksschule war die erste Station, nur ganz wenige Kinder kamen aufs Gymnasium. Die Mittlere Reife holte Christel Neudeck nach und wurde Sozialpädagogin.

Mit 20 zog sie nach Düsseldorf. 1970 heiratete sie Rupert Neudeck. Seit 1976 lebt sie in Troisdorf. Aus dem Wohnzimmer heraus betreute Christel, parallel drei Kinder aufziehend, 14 Jahre lang die 1979 mit ihrem Mann und Freunden wie Heinrich Böll gegründete Hilfsorganisation Cap Anamur. Auch an der Gründung des Vereins Grünhelme war sie 2003 beteiligt. Dessen Organisation leistet heute, wie einst sie selbst, ihre Tochter. Für Cap Anamur hatte Rupert Neudeck noch selbst einen Nachfolger gefunden.

Christel Neudeck ist in Dinslaken aufgewachsen. Die 75-Jährige freut sich auf Auftritte wie morgen beim SPD-Empfang in Wesel. FOTO: dpa

Einmal im Jahr gibt es für sie noch eine Sitzung, doch ansonsten fühlt sich Christel Neudeck "wie die alte Bäuerin auf dem Hof, die sich nicht einmischt". Es sei denn, man fragt sie. Dann sagt sie was. Und sie ist stolz auf die Leute, die heute das von ihr mit ihrem Mann Angestoßene weiterführen. Dass Christel Neudeck morgen in Wesel spricht, hat auch familiäre Hintergründe. Bürgermeisterin Ulrike Westkamp ist mit einem Schwager Neudecks verwandt. Auf einer Familienfeier hat diese sie dann angesprochen und als Rednerin gewinnen können.

Das Thema Flüchtlinge in Deutschland wird ihr Thema sein. Mit Herausforderungen, vielleicht auch etwas anders machen zu müssen, will sie sich befassen. Auch mit der Frage, ob die Flüchtlinge eine Bedrohung oder eine Bereicherung sind. Ein afghanischer Jugendlicher, den sie mit Rupert aufgenommen hatte, lebt heute noch bei ihr. Er macht gerade eine Ausbildung zum Elektroniker. Was Christel Neudeck noch beschäftigt, ist die Frage, warum man meint, nur mit Negativ-Schlagzeilen, die Ängste schüren, erfolgreich sein zu können. Als gläubige Christin bezeichnet sie sich. Nur die einst empfundene Enge lehnt sie ab. Die Gäste des Empfangs dürfen sich also auf eine selbstbewusste Frau einstellen, die im Sinne tätiger Nächstenliebe über den Tellerrand hinausdenkt.

Hannelore Kraft überreichte 2016 den Staatspreis NRW. FOTO: Orthen
Quelle: RP
 
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