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Schermbeck
Das kleinste Strommuseum der Welt

Schermbeck. Der Dammer Turmverein betreut in einem ehemaligen Trafohäuschen das kleinste Strommuseum der Welt und erweist sich seit acht Jahren als ein Motor der Heimatpflege und Heimatkunde. Von Helmut Scheffler

Wenn man unter der Heimat eines Menschen nur seinen Geburtsort verstehen würde, dann wäre der rund 1600 Einwohner zählende Schermbecker Ortsteil Damm am Ostrand des Kreises Wesel für weit weniger als die Hälfte seiner jetzigen Bevölkerung eine Heimat. Längst sind sich Soziologen einig, dass Heimat mehr bedeutet als die Geburtsstätte. Heimat meint gerade in Zeiten der Mobilität und Vereinzelungstendenzen vor allem ein Gefühl der Geborgenheit in einer sozialen Gruppe, deren Mitglieder auf unterschiedliche geographische Herkunftsorte verweisen können. Die Aufgabe, eine soziale Wohlfühlgruppe mit einem starken Vertrauen in das räumliche Umfeld zu schaffen, hat vor gut einem Jahrzehnt der Turmverein Damm übernommen.

Die Gründung des Vereins hängt eng mit der Nutzung eines Turmes zusammen, der beinahe sein 100-jähriges Bestehen im Jahre 2011 nicht erlebt hätte. Als das RWE einen Großteil der Mittelspannungsleitungen, die auch durch den Sturm Kyrill 2007 betroffen waren, durch Erdkabel ersetzte, war das Trafohäuschen am Elsenberg überflüssig geworden.

Für die Dammer war es aber längst mehr als ein Gebäude mit einer reinen Funktionalität für die Stromversorgung geworden. Für sie war es ein Denkmal der Geschichte der Elektrifizierung. Schon 2005 hatten Schützen ihr Wappen auf die weiße Südwand gemalt. Der Dammer Ochse ohne Horn grüßt seither die Besucher, die sich von der Bundesstraße 58 aus nähern. Wie ein Leuchtturm Schiffen den Weg in den heimatlichen Hafen weist, vermittelt der Turm den von der Schule, vom Arbeitsort oder aus dem Urlaub zurückkehrenden Dorfbewohnern das beruhigende Gefühl, wieder zu Hause zu sein.

2008 scharte der Dammer Ernst-Hermann Göbel eine etwa zehnköpfige Gruppe um sich zwecks Gründung eines Turmvereins. Ein Jahr später fand die Gründungsversammlung im Lokal Wortelkamp statt. Vorsitzender wurde Göbel, der das Amt bis heute innehat. Die Schlüsselübergabe für den Turm, den der Verein zum symbolischen Preis von einem Euro erhielt, folgte am 8. Dezember 2009. Im Oktober 2010 hatte der Verein 170 Mitglieder. Zu den gegenwärtig eingetragenen 407 Mitgliedern gehört Lynn Wardenski seit ihrer Geburt am 22. April 2016 als 400. Mitglied.

Zu den in der Satzung verankerten Aufgaben gehören "die ideelle und finanzielle Förderung der Heimatpflege und Heimatkunde in Schermbeck-Damm, die Pflege und der Erhalt historischer Gebäude, insbesondere der Erhalt und die Wahrung des Stromhäuschens Schermbeck-Damm".

Eine enorme Entwicklung nahm die Elektrifizierung, als das Kraftwerk Niederrhein 1910/11 in Obrighoven errichtet wurde. In kürzester Zeit erfolgte der Ausbau der 5-kV-, 10-kV- und 25-kV-Leitungen. Eine Karte vom Juni 1912, die das Versorgungsnetz der Betriebsverwaltung Wesel zeigt, lässt erkennen, dass die Leitung bereits bis Schermbeck und Gahlen führte und einen Abzweig zum 1886 gegründeten Lühlerheim in Weselerwald besaß. Das Dammer Trafohaus wird Bestandteil dieses Netzes gewesen sein. "Seit dem 23. September 1912 hat das Schulhaus elektrisches Licht", heißt es in der Dammer Schulchronik, "den Strom liefert das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk für 38 Pfennig pro Kilowattstunde für Licht- und 19 Pfennig für Kraftzwecke."

Ist das Gebäude schon für sich selbst ein historisches Zeugnis der Elektrifizierung, so bietet sein Inneres eine Fülle von Objekten, die das Leben der Bevölkerung im Haushalt oder am Arbeitsplatz erleichterten. Bei der Grundausstattung war das Strommuseum "Strom und Leben" in Recklinghausen behilflich. Zahlreiche private Sammler haben Leihgaben zur Verfügung gestellt. Am 27. und 28. Mai 2011 wurde das Museum eröffnet. Am 11. Dezember 2011 hatten die Besucher des ersten Adventstreffens Gelegenheit, die ersten Exponate zu besichtigen. Inzwischen platzt die auf zwei Ebenen ausgestellte Sammlung aus allen Nähten. Von einem der kleinsten Reisegrammophone der Welt aus dem Jahre 1925 über eine Handwaschmaschine, ein Telefon und einen Ventilator reichen die Gegenstände bis zu Messgeräten, einem historischen Medizinkoffer und einem recht monströsen elektronischen Vibrator-Sexspielgerät der Frühzeit. Ein besonders eindrucksvolles Haushaltsgerät wird im kleinsten Strommuseum der Welt gezeigt: ein beleuchteter Stopfpilz des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Von Mai bis Oktober ist das Haus jeweils am ersten Sonntag im Monat von 11.30 bis 16 Uhr geöffnet. An zwei besonderen Tagen ist es jedes Jahr geöffnet, am Internationalen Museumstag, der am 21. Mai wieder stattfindet, und am Tag des offenen Denkmals am 10. September. Individuelle Termine können unter www.turmverein-damm.de vereinbart werden. Gruppen, Klassen und Kindergärten sind willkommen.

Inzwischen ist der Turm in aller Munde. Die Nachfrage nach Turmprodukten ist groß. Turmbier und Turmschnäpse vermarktet der Getränkehandel Willich. Turm-Salami in den Geschmacksrichtungen Rotwein und Rotwein-Bärlauch sind in der Hünxer Metzgerei Vlaswinkel erhältlich. Allgäuer Bergkäse, dessen Rinde mit Turm-Bräu verfeinert wird, ist beim Dammer Käsehändler Andreas Steinkopf erhältlich. Die Drevenacker Bäckerei Hellermann bietet Turm-Brot und Brötchen.

Von Beginn an hat der Turmverein Wert darauf gelegt, auch jene zusammenzuführen, die Damm nach der Arbeit im nahen Ruhrgebiet eher als eine Art Schlafgemeinde ansahen. Das erste Sommerfest fand am 12. Juni 2010 statt, das erste Turmglühen am 12. Dezember 2010. Beide Feste sind inzwischen nicht nur bei den Dorfbewohnern fest im Terminkalender verankert. Am 7. November 2012 startete das RWE die Reihe "LiteraTurm - Geschichten aus der Heimat". Als die Evangelische Kirchengemeinde Drevenack 2013 einen Open-Air-Gottesdienst im Dammer Jugendhaus veranstaltete, ließ der Verein zum ersten Mal Glocken erklingen.

Und es geht weiter: Der Plan, eine Hängebrücke als Lippequerung für Fußgänger und Radler zwischen Damm und Gartrop zu bauen, ist nicht vom Tisch.

Quelle: RP
 
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