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Kreis Wesel
Das Leben und Sterben der Landgasthöfe

Kreis Wesel. In Ortsteilen und Dörfern schwinden immer mehr Lokale mit Sälen für große Gesellschaften. Nur selten gelingt die Übergabe eines Betriebs an einen Nachfolger. Vereine leiden darunter besonders. Es sei denn, sie ergreifen die Initiative. Von Fritz Schubert

Hochzeiten, Taufen, runde Geburtstage, Beerdigungen, Firmenjubiläen, Jahreshauptversammlungen, Büttensitzungen, Weihnachtsfeiern: Nichts davon geht ohne ausreichend große Räumlichkeiten. Doch die werden immer weniger. In Ortsteilen und Dörfern ist seit Jahren zu beobachten, dass traditionelle Landgasthöfe mit Sälen verwaisen oder ganz verschwinden.

Fürs Weseler Stadtgebiet reichen die Finger zweier Hände zum Aufzählen bald nicht mehr aus: Hüser in Lackhausen, Lauerhaas, Endemann, Friedenswäldchen in Obrighoven, Bergerfurth, Lilienveen, Constanze und Jäger in Diersfordt, Sackert in Flüren, Alte Post in Flüren und Ginderich - sie alle sind entweder abgerissen, geschlossen oder Dauerbaustellen, dienen vollkommen anderen Nutzungen oder beherbergen Gastronomiekonzepte, die mit den früheren Gepflogenheiten nichts mehr zu tun haben.

Die jüngsten Aufschreie galten dem Büdericher Traditionslokal van Gelder mit seinem Saal, der locker 400 Personen fasst. Noch läuft es, aber Wirtin Hanna van Gelder wird es aus Altersgründen bald schließen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Im Ort gibt es noch die Wacht am Rhein, die Marktschänke und das Stadttor, doch können diese nicht mit einem derart großen Saal aufwarten.

Die Gründe für mangelndes Interesse daran, einen Landgasthof (weiter) zu führen, sind vielschichtig. Wesentlich ist das unternehmerische Risiko. Wie Thomas Kolaric, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Nordrhein (Dehoga), erläutert, ist bei einer Betriebsübernahme mit hohen Kosten zu rechnen. Eine Fülle von Gesetzen und Verordnungen ist in aktuellster Form zu beachten. Ganz gleich, ob man das Lokal als Familienangehöriger übernimmt oder als Fremder. Sanitäre Anlagen, Küchengeräte, Stellplatznachweise. Kolaric spricht von einem "Rattenschwanz" an Regeln.

Auch werde, so Kolaric, bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung die Notwendigkeit einer Kegelbahn auf den Prüfstand gestellt, der Umbau derselben in einen Tagungsraum abgewogen. Immer mit der Grundfrage, ob sich die Investition lohnt. Unter der Woche nur eine Nachbarschaftsgastronomie zu betreiben, die vielleicht am Wochenende brummt, tue sich keiner mehr an. Eher stellt Kolaric einen Trend zur temporär befristeten Öffnung nach Bedarf fest. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass Geldinstitute bei der Vergabe von Krediten ans Gastgewerbe vorsichtiger geworden sind.

Das Büdericher Lokal van Gelder ist nicht das einzige in der Region, das eine Lücke hinterlassen wird. Im Hamminkelner Ortsteil Mehrhoog haben die kfd-Frauen im Januar zum letzten Mal bei Pollmann Karneval gefeiert. Für die neue Session ist keine Lösung gefunden worden. Auf Hünxer Gebiet sind vor allem Drevenack und Krudenburg vom Sterben der Lokale betroffen.

Wie ein Leben beziehungsweise Weiterleben für größere Veranstaltungen gelingen kann, zeigt sich meist da, wo ehrenamtliches Engagement an den Tag gelegt wird oder private Lösungen gefunden werden. In Bergerfurth zum Beispiel ist die St. Aloysius-Schützenbruderschaft die wesentliche Kraft. Nach zwei im einst geschätzten Speiselokal Zur Bergerfurth gescheiterten Nachpächtern musste ein neuer Versammlungsraum gefunden werden. Weil die Bruderschaft eine kirchliche Vereinigung ist, darf sie das Gotteshaus nutzen, sagt Brudermeister Hans Nakath. Zu Pollmann in Mehrhoog kann nicht mehr ausgewichen werden, aber zu Pooth in Bislich und in Räume des Bruderschaftsmitglieds Robert Köster in Mehrhoog. Für Feste braucht es sonst ein Zelt.

In Eigenregie managen beispielsweise die Loikumer ihre Bürgerhalle. An einen gemeinschaftlich getragenen Ort für den Heimatverein und andere Vereine ist auch in Büderich schon gedacht worden. Aktuelle Überlegungen für die Zeit nach van Gelder kreisen um Konzentrationen von Events. Wie Jürgen Linz vom Koordinationsausschuss Büdericher Vereine sagt, könnten die drei Karnevalsveranstaltungen der KKG sowie der Pankratius- und der Petri-Schützen an einem Wochenende oder auch gemeinsam stattfinden.

Überhaupt könnten Veranstaltungen der unterschiedlichsten Gruppen und Vereine zeitlich zusammengelegt werden und in einem Zelt auf dem Markt durchgeführt werden. Zelte sind zu Karneval und Schützenfesten im benachbarten Ginderich schon eine Weile erste Wahl. Da die Alte Post mit ihrem Saal Vergangenheit ist, wird bei Beerdigungen gern das Pfarrheim fürs Kaffeetrinken genutzt.

Natürlich gibt es in den ländlichen Regionen weiterhin eine Menge Lokale, die mit jeweils eigenen Konzepten funktionieren. Als Biergarten, Ausflugsziel oder Spezialitätenrestaurant. Vereinsbedürfnisse können (oder wollen) sie kaum bedienen.

Der Bergerfurther Hans Nakath stellt übrigens noch etwas Anderes fest, das dem Vereinsleben schadet: die virtuelle Kommunikation. "Wer geht heute noch in eine Gaststätte, um sich mit anderen zu treffen?" fragt er. "Und wenn, dann gucken sie zwischendurch trotzdem auf ihr Smartphone. Echte Gespräche, Face-to-Face, werden immer weniger."

Quelle: RP
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