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Niederrhein
Das Unterwasser-Buch von Joseph Beuys

Niederrhein. Der Chef mit Hut steht in der Mitte des Bildes, mit dem Rücken zur Kamera. Kaum hebt sich das helle Hemd vom weißen Hintergrund ab, scheint die Figur mit dem Schemen des dahinter hängenden Filzanzuges zu verschwimmen. Der Mann mit Hut und der Filzanzug werden rechts und links von gegen die Wand gelehnten Objekten gerahmt. Es ist Joseph Beuys in charakteristischer Haltung, der dort mit dem Rücken zum Betachter steht. Es ist Joseph Beuys, wie er 1971 seine große Einzelausstellung in Schweden im Moderne Museet in Stockholm einrichtet.

Der Fotograf Lothar Wolleh (1930 - 1979) begleitete den Aufbau der Ausstellung in Schweden und fotografierte dieses Beuys-Filzanzug-Triptychon, das mitten auf die Wand in einem der Kabinette von Museum Schloss Moyland platziert ist. Beuys plante 1973 mit den Fotografien Wollehs ein "Unterwasserbuch" mit 44 Motiven auf 22 Blättern in einer Auflage von 300 Stück. Ein Buch mit Foliantenmaßen, das sich auch im Wasser blättern und lesen ließe, erklärt Moyland-Kurator Dr. Alexander Grönert.

Aber das Projekt fiel ins Wasser: Zwar ließen sich die von Beuys ausgesuchten Fotografien Wollehs prächtig auf die dicke PVC-Folie im 46 mal 46 Zentimeter großen Format drucken, doch beim Ausschneiden der Blätter vergaß der Drucker den Rand, um das Buch zu binden. Deshalb hatte man keine Buch-Edition, sondern lediglich Bilder auf drei Tonnen PVC-Folie ohne Bestimmung. Für Beuys kein Problem: Er bearbeitete rund 1150 Blätter mit Kuli, Bleistift oder Braunkreuzfarbe, schnitt Motive heraus und verkaufte einzelne Blätter oder ganze Serien als Auflage. Bis heute sind die bedruckten Blätter der Edition im Kunsthandel als einigermaßen erschwingliche Werke des Schamanen vom Niederrhein zu bekommen - gute, prominente Kunst für jedermann. In der neuen "Kunst.Bewegt.09"-Präsentation zeigt jetzt das Museum einen schönen Blick auf die PVC-Blätter der "3-Tonnen-Edition", wie Joseph Beuys die Bilder taufte. Insgesamt 18 Blätter hat Grönert ausgewählt, dazu den Filzanzug und die Objekte "Mangkol" von 1960 und "Filzfilm" von 1963, die auf dem Foto Beuys und den Filzanzug rahmen.

Die Blätter der "3-Tonnen-Edition" sind beeindruckende Fotos. Oft grob gekörnt, manche in der Bewegung verwischt, aber alle in satten Schwarztönen als Siebdruck auf die mehrere Millimeter dicke Folie gedruckt. Die in Moyland ausgestellten Blätter zeigen zentrale Arbeiten aus dem Werk des Düsseldorfer Akademieprofessors wie "Das Rudel", wo aus einem VW-Bus 24 mit Filz und Lampe bestückte Schlitten ausschwärmen. Ein weiterer Schlitten, der in Stockholm gezeigt wurde, ist auch im Moyländer Souterrain zu sehen - mit zwei weiteren Blättern der "3-Tonnen-Edition". Die Bilder erinnern aber auch schemenhaft an den Schamanen Beuys im Pelzmantel, die Ausstellung sortierend. Ein anderes Blatt präsentiert eine eng mit Maschine beschriebene Seite, die eine Geschichte von Armut und Filz an den Fenstern in Sibirien erzählt, ein anderes ein Gedicht von Georg Jappe aus den Buchstaben von Beuys Namen, dessen Worte die Kunst des Bildhauers beschreiben. Neben einem der Gedichtblätter hat Beuys seine Braunkreuzsignatur gemalt und eine Figur, die man auch als Selbstporträt im dicken Pelzmantel lesen kann.

Würde man die 36 Motive der 18 Blätter aus dem Saal im alten Schloss als Katalog drucken (jedes PVC-Blatt ist ja beidseitig bedruckt) hätte man einen umfassenden Eindruck, wie das Buch hätte wirken können. Wäre eine schöne Aufgabe für den Förderverein.

(mgr)
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