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Wesel
De Frau Kühne erobert Kölner Karneval

Wesel. Kabarettistin Ingrid Kühne aus Xanten-Lüttingen wird auch in großen Traditionssälen wie dem Gürzenich oder Sartory gefeiert. Wir begleiteten die Büttenrednerin bei ihren Auftritten und schauten mit ihr auf den Weg im närrischen Geschäft zurück.

VON DIRK MÖWIUS

Köln, Gürzenich - die gute Stube des rheinischen Karnevals. Ingrid Kühne steht im Künstlerbereich, einer kleinen abgetrennten Ecke an der Theke und plaudert entspannt mit ihrem Mann Ralf und ihrem Manager Kay Passmann. Gleich geht es für sie auf die Bühne. Eine Konzentrationsphase braucht sie nicht. Raus und loslegen heißt ihr Motto. Das Dreigestirn marschiert aus. Der Literat des traditionsreichen Reiter-Korps "Jan von Werth" holt Ingrid Kühne ab. Noch ein kurzer Plausch mit dem Prinzen. Dann Einmarsch zum ganz besonderen Auftritt. Für De Frau Kühne ist Premiere im Gürzenich - der Festsaal, in dem die Veranstalter Wert darauf legen, ihrem Publikum nur die Top-Stars des Karnevals zu präsentieren.

Aldekerk 1968. Ingrid Kühne kommt hier zur Welt. Hier steht sie auch zum ersten Mal auf der Bühne. Ihre Mutter Gertrud Egger war Büttenrednerin aus Leidenschaft. Mit ihrem Bruder bietet sie auch ein Zweigespräch dar. Ingrid hat schon als Kind ihre ersten Ansagen gemacht, spielt plattdeutsches Theater und mischt im Karneval mit. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Du stirbst innerlich, wenn du vor so vielen Menschen auf die Bühne musst, oder du bist infiziert. Jeder Jeck ist anders, mich hat die Bühne ganz früh gepackt", sagt sie im Rückblick.

Zurück im Gürzenich: Die Rede kommt an. Die gut 1200 Frauen bei der "Mädchensitzung" hören zu, lachen, klatschen begeistert. Ingrid Kühne nimmt den Narrentempel Gürzenich im Sturm. Teilweise stehender Applaus, ein Lob vom Präsidenten, Zugabe, Abmarsch. Auch der Literat ist begeistert. Ralf Kühne nicht. Er fährt Ingrid nicht nur von Auftritt zu Auftritt, sondern verfolgt die Rede stets als kritischer Beobachter hinten im Saal. "Den Gag mit den Schwiegereltern hast Du weggelassen." "Stimmt, zwischendurch wusste ich mal nicht, wo ich gerade bin." Kleine Pannen, die nur ein Insider merkt. Die Gürzenich-Premiere jedenfalls ist geglückt. Noch schnell Bernd Stelter, der auf seinen Auftritt wartet, begrüßt, und ab ins Auto - Richtung Düren.

Ingrid Kühne macht in Geldern ihr Abitur, lernt und arbeitet dann als Schriftsetzerin in der Druckerei Schaffrath. In Lüttingen findet sie mit ihrem Mann Ralf ihre neue Heimat. Dort geht es nach langer Pause auch wieder mit dem Karneval los. Sie schreibt Sketche und Gags für die kfd, steht mit auf der Bühne. Schnell kommen weitere Anfragen. Rund um Xanten wird De Frau Kühne zum Begriff für befreiendes Lachen.

Es ist dann Bodo vom XCC in Xanten, der ihr den Weg in die große Domstadt weist. "Mädchen, du musst nach Kölle", sagt der gebürtige Kölner. Eine Wette sorgt dafür, dass Ingrid Kühne sich tatsächlich bewirbt. Das Festkomitee Kölner Karneval lädt zum Casting ein. Dass sie als eine von sechs Rednern ins Literarische Komitee aufgenommen werden soll, wundert sie zunächst nicht. Bis sie erfährt, dass gut 100 Redner vorgesprochen hatten, um einen der vier Plätze zu ergattern. Doch der große Erfolg lässt auf sich warten. "Ich hatte zwei schlechte Jahre. Ich ließ mir reinreden, sollte meine Reden ändern, sogar einen Rock anziehen." Zum Glück gab es noch einen Vorstellabend in Düren. Mit durchschlagendem Erfolg. Es folgten 33 Buchungen. Von da an war De Frau Kühne auf den Bühnen rund um Düren gesetzt.

Die große Sportarena in Düren ist mit fast 2000 Frauen rappelvoll. Die Stimmung ist bestens. Ingrid Kühne hat leichtes Spiel. Trotz eines Grundgemurmels hört frau ihr zu. Keine Selbstverständlichkeit. Karneval wird immer musiklastiger. Redner haben es schwer, nach Höhner, Räuber und Co. im Saal durchzudringen. "Ingrid hat den großen Vorteil, dass sie eine kräftige Stimme hat", weiß Ralf Kühne. Eine Rakete, Zugabe und Abmarsch. Diesmal war auch der Schwiegereltern-Gag dabei.

Vorstellungsabend im Senatshotel in Köln 2012. De Frau Kühne kommt gut an, die Buchungen häufen sich. Dank der Literatenvereinigung Kajuja ist sie gut vernetzt. Aber die ganz großen Säle in der Narrenhochburg fehlen noch. Der Vorstellabend 2013 bringt den nächsten Schub. Dann der große Erfolg im Fernsehen. Der WDR nimmt Ingrid Kühne in die Fernsehsendung "Blötschkopp und die Rampensäue". Ein Wettbewerb, bei dem sich Büttenredner im Duell messen. Das Publikum entscheidet. Ingrid Kühne ist am Ende die Rampensau des Jahres. 2015 explodiert ihre Karriere regelrecht. Die Xantenerin schafft es auf Seite eins im Kölner Express. "Sie heißt Ingrid Kühne: Ist das die kölsche Cindy aus Marzahn?" titelt das Blatt. Nun folgen die Traditionsgesellschaften. Bei ihrer Premiere in den Sartory-Sälen ging es gleich auf die ZDF-Mädchensitzung mit bundesweiter Ausstrahlung. Ein Auftritt, der von einer Woge der Begeisterung getragen wurde.

Düren, Sportarena. In der schlichten Garderobe der Turnhalle bei Brötchen und Mineralwasser ein kleiner Plausch mit Kollegen wie Guido Cantz, der gleich an der Reihe ist. Er findet es super, dass endlich eine Frau da ist, die auf den Damensitzungen erzählen kann, wie die Männer eigentlich sind. Noch ist Zeit bis zum letzten Auftritt des Tages am Tanzbrunnen in Köln.

Ingrid Kühne hat ihren eigenen Stil entwickelt. Sie ist keine Witze-Erzählerin. Sie schildert Alltagsbeobachtungen, die jeder erkennt. Vor allem die Frauen im Saal. So schlafen Männer, so tanken sie, so sind sie als Beifahrer. Ralf und Sohn Sven dienen als tragende Figuren, sind auf der Bühne präsent und kommen nicht immer blendend weg. "Ist das Ihre Frau", fragt eine Kellnerin Ralf während der Rede und drückt ihn - halb lachend, halb tröstend.

De Frau Kühne, das ist nicht mehr nur Karneval. Im vergangenen Jahr wagte sie sich auch an ein abendfüllendes Kabarettprogramm. Mit großem Erfolg. Wenn irgendwo am Niederrhein ein Abend mit De Frau Kühne angekündigt wird, ist er schnell ausverkauft. Alle Texte schreibt sie selbst. Wenn ihr was einfällt, wird es schnell ins Handy gesprochen und später bearbeitet. "Ich lass' mir nicht viel reinreden." Nur Ralf darf mit ihr über die Beiträge diskutieren. Manchmal bekommt er auch recht.

Der letzte Auftritt des Abends am Tanzbrunnen bei der Kajuja ist ein Selbstläufer. Viele Kollegen sind da. Hier trifft man sich noch auf ein Kölsch hinter den Kulissen. Drei Termine sind ein entspannter Tag. Es können auch schon mal acht an einem einzigen Tag sein. Gut 80 Auftritte stehen in der Session im Terminkalender. Für Ingrid Kühne kein Problem. "Ich mache das unwahrscheinlich gern. Es gibt doch nichts Schöneres, als Leute zum Lachen zu bringen."

Mit Marc Metzger, dem unumstrittenen Top-Star der Büttenredner, ging es für Dreharbeiten mit der Stretchlimousine durch Xanten. "Best of Rampensau" ersetzt in der kurzen Session den Wettbewerb. De Frau Kühne ist dabei. Fernsehpräsenz ist sehr wichtig in dem Geschäft. Wer in den großen Sälen bis über 40 Euro Eintritt zahlt, will die Künstler sehen, die er aus dem Fernsehen kennt. Und Karneval, das weiß auch Ingrid Kühne, ist auf diesem Niveau ein Beruf und ein Geschäft. Bei dem auch Dinge auf der Strecke bleiben. Gern wäre sie weiter im Karneval in Xanten oder in Birten dabei, aber das lässt der Kalender nicht zu. "Am Niederrhein stehen die Termine viel zu spät fest." Für 2017 ist sie jetzt schon so gut wie ausgebucht, für 2018 sind schon Anfragen da. In der Heimat geht es gleich im Februar mit dem Kabarettprogramm weiter, zudem tritt sei auch in Moers für den Wettbewerb "Das schwarze Schaf" an. Und wenn es wieder im Karneval losgeht, sind Sartory oder Maritim mehrmals dabei sein. Und ganz bestimmt auch auch der Tempel, der Gürzenich. Alaaf.

De Frau Kühne im Fernsehen: "Best of Rampensau" mit Marc Metzger läuft am Sonntag, 31. Januar, 20.15 Uhr im WDR. Die ZDF-Mädchensitzung "Kölle Alaaf" ist am Altweiberdonnerstag ab 20.15 Uhr zu sehen.

Quelle: RP
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