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Wesel
Der Mann mit der Gitarre

Wesel. Stefan Schmitz, früher Schüler von Günther M. Schillings, durfte die Altarstufen erst nach zwei Zugaben verlassen. Von Hanne Buschmann

Sehr schön ist es, wenn ehemalige Schüler der Weseler Musik- und Kunstschule als namhafte Könner zu einem Konzert in ihre Heimat zurückkommen. Vor wenigen Wochen musizierte Tristan Angenendt im Polderdorf auf der anderen Rheinseite, am Samstag Stefan Schmitz in Flüren in der ev. Christuskirche. Beide Gitarristen gingen aus der Klasse von Günther M. Schillings hervor. Natürlich versammeln sich bei solch einem Wiedersehen und -hören außer ihren Familien auch die früheren Wegbegleiter, und das gebiert eine besonders herzliche Atmosphäre.

Ganz allein auf den leergeräumten Altarstufen saß Stefan Schmitz, im sanften Licht von wenigen Lampen und etlichen Kerzen. So im Fokus der zahlreichen Hörer. Seine Stimme, wenn sie die Werke erläuterte, war der Intimität des Kirchenraumes angepasst, sein Instrument nicht mit modischen Verstärkerapparaten verkabelt. Natürlicher Klang durchwehte den Raum.

Zuerst in zwei Etüden von Regondi (1823-1872), die Ansprüche an die handwerkliche Fingerfertigkeit mit denen an die gedankliche Substanz verbinden, forderten das genaue Zuhören heraus. Gemessen schritt die erste voran, lebhafter tänzelte das zweite Stück. Danach zirpte ein melancholischer südamerikanischer Liebeswalzer von Bellinati (geb. 1950) auf den Saiten, gefolgt von dem erdhafteren russischen Pushkin Valse von Baranov.

Zum ersten Höhepunkt wurde schon Piazzollas (1921-1992) Milonga del angel, diese wundersame "kleine Schwester des Tangos", nach dem Gehör notiert während eines Konzerts in Berlin von Stefan Schmitz' Freund. Dorthin hatte sich seinerzeit eine ganze Studentengruppe aus Weimar auf den Weg begeben. Dieses Erlebnis bekamen die Hörer beiläufig erzählt, live, vor der realen Klanggeschichte. Mangores (1885-1944) elfenhaft fliehendes En ultimo tremolo mit wimpernschlag feinen Trillern beschloss den ersten Programmteil.

Zwei Suiten von Weiss (1685-1757), einem Verehrer Bachs, erfreuten danach mit einer geradezu höfisch eleganten Allemande und einer flotten Bourrée. Mit Morricone ging's nun frisch in die Gegenwart. Dessen höchst melodische Anmutung "Gabriels Oboe" konnte elektrisieren, besonders dann, wenn die rechte Hand des Gitarristen, von schwermütigen Gedanken gelenkt, scharf auf den Korpus des Instruments klopfte. Narciso Sauls Boulevard san Jorge leitete über zu Domeniconis lebensintensive Variationen über ein anatolisches Volkslied. Hier wurde noch einmal klar, wie die innere Kraft des Spielers die Hörer mitreißt. Aufhören durfte Stefan Schmitz erst erst nach zwei erklatschten Zugaben. Sein Programm war neu, ist noch nicht auf CDs. Pastor Winfried Junge dankte dem Musiker, den Helfern und Helferinnen, die im Gemeindesaal ein köstliches Häppchen-Buffet bereitet hatten, dem Organisator Volker Pypetz und den Hörern der kleinen, feinen Konzertreihe in der Flürener Christuskirche.

Quelle: RP
 
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